© Dr. Jörg Vierke
Die räumliche Enge
Wenn Fische schwer zu halten sind oder wenn es Schwierigkeiten bei
ihrer Vermehrung gibt, liegt es daran, dass sich die Verhältnisse in
unseren Aquarien von denen in der Natur unterscheiden. An erster Stelle
ist dabei die räumliche Enge unserer Aquarien zu nennen. Sie ist im
Zusammenhang mit der Überbevölkerung in den meisten
Gesellschaftsaquarien und einer falschen Zusammenstellung der Arten
Schuld daran, dass viele Fische nicht ihr volles Verhaltensrepertoire
zeigen können. Beispielsweise können viele in dem Gedränge keine
Reviere bilden und daher nicht ablaichen. Einige Fische gehen nach
einiger Zeit an dieser Stress-Situation zugrunde, viele können eine
starke Überbesetzung der Becken meist relativ lange ertragen, wie die
Becken der Zoohändler zeigen. Solange die Wasserverhältnisse in
Ordnung sind und keine Krankheiten ausbrechen, ist tatsächlich eine
besonders starke Überbevölkerung meist besser als nur eine starke. Denn
dann kann selbst der robusteste Fisch kaum noch auf den Gedanken
kommen, ein Revier zu gründen und andere Fische zu scheuchen. Und
sollte er es dennoch tun, dann scheucht er nicht immer nur dieselben;
die Prügel verteilen sich dann besser, und der einzelne hat dann nicht
so zu leiden! In den Verkaufsbecken der Händler trifft man diese
Verhältnisse fast regelmäßig an. Man kann also auch so Fische halten -
aber bitte, das ist kein ernst gemeinter Vorschlag für das
Heimaquarium!! Die folgende Praxis kann man gelegentlich bei
Cichliden-Freunden antreffen: Malawi-Buntbarsche sind nicht einfach zu
vergesellschaften. Eigentlich sollte man unter den Bedingungen eines
Durchschnitt-Aquarianers von jeder Art nur ein Männchen und zwei oder
drei Weibchen dazu halten. Zwei artgleiche Männchen, oder auch zwei
Männchen sehr ähnlicher Arten dulden sich nicht, es sei denn, man hätte
ein riesiges Schauaquarium. Was aber tun, wenn man viele Nachzuchten
hat und die Männchen nicht schnell genug weitergeben kann? Man kann sie
als reine Männergesellschaft pflegen, ganz ohne Weibchen. Bei einigen
Arten aus dem Malawi-See funktioniert das, allerdings nicht bei allen.
Diese wenig artgerechte Haltung ist als Dauerlösung aber ganz sicher
nicht zu empfehlen.
Zum Foto rechts: Zwergcichliden wie dieses Nannacara-Männchen haben es unter den beengten Bedingungen im Zuchtaquarium oft sehr schwer!
Auch wenn wir Fische artweise oder paarweise in Zuchtaquarien
halten, kann die räumliche Enge des Aquariums zu abnormen Situationen
führen. So ist beispielsweise Nannacara anomala in relativ
kleinen Becken zur Zucht zu bringen. Nach dem Ablaichen jagt das
Weibchen den eben noch Geliebten jedoch oftmals im ganzen Aquarium
herum und ruht nicht eher, als bis es ihn umgebracht hat. Man schloss
daraus fälschlich, wie sich später herausstellte, dass diese Tiere
Mutterfamilien bilden und dass die Männchen beim Brutgeschäft nichts
zu suchen hätten. Wer die Art jedoch in größeren Aquarien züchtet,
kann beobachten, dass die Mutter zwar die unmittelbare Umgebung der
Brut bewacht, der Vater dagegen den weiteren Umkreis. Im kleinen
Zuchtaquarium ist eben nur Platz für das Weibchenrevier, in dem der
Vater nichts zu suchen hat. So können Aquarienbeobachtungen zu falschen
Schlüssen über das normale Verhalten der Tiere führen. Normalerweise
würde das Nannacara-Weibchen sein Männchen niemals umbringen,
genausowenig, wie das Männchen darauf bestehen würde, im Innenrevier
zu bleiben. Es wurde umgebracht, weil es sich nicht zurückziehen
konnte. Ähnlich geht es vielen Fischen, die bei Kämpfen mit Artgenossen
umgebracht werden. In der Freiheit können sie im wahrsten Sinne des
Wortes das Weite suchen, im Aquarium ist diese Möglichkeit verbaut. Sie
müssen immer wieder dem Rivalen begegnen. Auch wenn der sie vielfach
nicht direkt tötet, führt oft schon die fortwährende Stress-Situation
zum Tod des Unterlegenen. Er verweigert das Futter und erholt sich oft
nicht mehr, auch wenn man ihn in ein anderes Aquarium umsetzt.
Die fortpflanzungsgestimmten Männchen der Fadenfische, Kampffische
und Makropoden jagen die Weibchen vor dem Ablaichen meist gewaltig und
töten sie dabei nicht selten. Auch das ist unnatürlich und tritt nur in
zu kleinen Becken auf. In großen Aquarien müssen die Männchen wie in
der Natur so lange warten, bis die Weibchen laichbereit sind, die um
sie werbenden Männchen erhören und ihnen zum Nest folgen. In den
kleinen Zuchtbecken kann sich das noch nicht laichbereite bzw. -willige
Weibchen dagegen nicht aus dem unmittelbaren Interessenbereich des
Männchens, dem Revier, zurückziehen und muss sich quälen lassen.
Foto links: Die Vielfarbigen Maulbrüter Pseudocrenilabrus multicolor beim Ablaichen.
Bei
vielen Cichliden führt die fortwährende Anwesenheit des Weibchens unter
Aquarienverhältnissen zu besonders schnell aufeinanderfolgenden Bruten.
Das braucht im Freien nicht zu sein. Besonders die meisten
Maulbrüter-Weibchen dürften in der Natur längere Erholungspausen
zwischen den einzelnen Bruten einlegen. Dort leben die Weibchen vieler
Arten die meiste Zeit getrennt von den Männchen. Bei der
Aquarienhaltung werden sie dagegen oft schnell "verbraucht". Das gilt
besonders für die Haplochromis-Arten.
Auch das Laichfressen der meisten Salmler, Bärblinge und vieler
anderer nicht brutpflegender Arten, wie es im Aquarium meist die Regel
ist, ist sicher nicht natürlich. Es ist unvorstellbar, dass es zum
natürlichen Verhalten einer Art gehören könnte, die Mehrzahl ihrer
Eier aufzufressen. Diese Fische dürften im Aquarium sicher nur durch
das Angebot der Eier zum Laichfressen animiert werden nach dem Motto
"Gelegenheit macht Diebe". Im Freien wären sie nach dem Ablaichen
gewiss nicht in denselben 50 Litern Wasser oder weniger geblieben, in
denen sie abgelaicht hatten. Sie wären weitergeschwommen, vielfach auch
zwischen den einzelnen Laichakten, und hätten dann an einem völlig
anderen Ort mit der Nahrungssuche begonnen, denn Ablaichen ist
anstrengend und macht hungrig. Schwarmfische im Aquarium
Faustregel: Fisch-Zentimeter pro Liter! Die
verschiedentlich kritisierte Empfehlung ist durchaus sinnvoll: Ein gut
eingerichtetes Wohnzimmeraquarium sollten nur so viele Fische bewohnen,
dass die Summe ihrer Körpergrößen (in cm) nicht das Fassungsvermögen
des Aquariums (in Liter) übertrifft. Als Beispiel: Ein 20
Liter-Aquarium reicht demnach für 5 Fische mit einer Körperlänge von 4
cm oder für 10 Fische mit einer Körperlänge von 2 cm. Das ist eine Faustregel,
die wie alle Faustregeln mit Vernunft angewandt werden muss! Sie wurde
für Anfänger entwickelt, die ein typisches Gesellschaftsaquarium mit
einer größeren Anzahl von Kleinfischen pflegen. Dass die Fische in
jeder anderen Hinsicht zueinander passen müssen (Temperatur- und
Wasseransprüche und vieles mehr!), sollte klar sein, ebenso, dass man
in ein 20 Liter Aquarium nicht einen einzelnen 20 cm langen Fisch
einsetzen kann! Die
richtig verstandene und entsprechend angewandte Regel verhindert, dass
Anfänger in der Aquaristik ihr Aquarium sinnlos mit Fischen
vollstopfen! Routinierte Aquarianer brauchen diese Faustregel nicht.
Sie wissen: Ein Aquarium kann selten zu groß sein!
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Auch
das oft nur schwach ausgebildete Schwarmverhalten vieler Schwarmfische
im Aquarium ist räumlich bedingt. Es ist zweifelsfrei falsch, wenn
behauptet wird, richtiges Schwarmverhalten könne man nur bei
Meeresfischen antreffen. Andererseits gibt es im Süßwasser nur an
wenigen Stellen derart große Fischansammlungen in völlig freiem (also
total unstrukturiertem) Lebensraum wie im Meer. Die eindrucksvollsten
Fischschwärme findet man in der Tat im freien Wasser. Im beengten Raum
selbst eines Großaquariums mit seinen zusätzlichen
Versteckmöglichkeiten ist das Schwarmverhalten weniger typisch. Die
häufig gestellte Frage nach der Mindestgröße eines Schwarms ist nicht
pauschal zu beantworten. Sie sollte so groß sein, dass die einzelnen
Fische ihre Artgenossen nicht als Individuen kennenlernen können. Das
ist logischerweise um so besser, je höher die Anzahl der Tiere ist.
Eine konkrete Zahlenangabe ("erst ab 12 Fischen kann man von einem
Schwarm sprechen!") ist daher lediglich als Faustregel für Aquarianer
zu sehen. Je mehr, desto besser. Aus praktischen Gründen sind für Aquarien natürlich kleinere Schwamfische besser geeignet als große. Feuerschwänze Epalzeorhynchus bicolor (früher Labeo bicolor)
sind als aggressive Einzelgänger verrufen. In kleinen Aquarien sollte
man im Hinblick auf die Mitfische in der Tat nur einzelne Feuerschwänze
halten. Allerdings - artgerecht wäre diese Einzelhaltung nicht! Im
Freiwasser leben sie in schwarmartigen Gruppen. Wenn man 10 oder mehr
Feuerschwänze in wirklich großen Aquarien hält, zeigen sie ein
natürliches, aggressionsfreies Verhalten.
Weitere Faktoren
Es wurde schon erwähnt, dass eine falsche Zusammenstellung der Arten
oftmals zu Schwierigkeiten führt. Unter Umständen kann auch
Unterbevölkerung oder ein fehlender Feind im Aquarium von Nachteil
sein. Die im Kapitel "Domestikation" erwähnte Uneinigkeit
brutpflegender Segelflosser, die vielfach zum Eierfressen führt, ist
teilweise sicher nicht nur durch eine Instinktlücke, sondern auch durch
regelrechte Langeweile der Elterntiere bedingt. Das zu verteidigende
Revier ist sehr klein und kann in kürzester Zeit durchstreift werden,
und Feinde tauchen vielfach nicht auf, weil der Züchter die anderen
Fische in bester Absicht aus dem Aquarium entfernt hatte. Erfahrene
Züchter geben dagegen oft einen "Feind vom Dienst" mit in das Becken
oder stellen ein Aquarium mit "Feinden" direkt neben das der
Elterntiere, so dass sie ihre Gegner immer vor Augen haben. Die
Beschäftigung mit den "Feinden" hat oft einen guten Einfluss auf den
Zusammenhalt der Partner.
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| Im Aquarium kann es zu Begegnungen kommen, die im Freiwasser ausgeschlossen wären - hier ein Südamerikaner (Mesonauta) mit einem Asiaten (Trichogaster). Keine Frage, dass auch dieses oft Ursache für Stress-Situationen ist! |
Unnatürlich ist auch das Fehlen einer auch noch so kurzen Dämmerung
im Aquarium. Viele Fische suchen gern bestimmte Schlafplätze wie
Höhlen oder Unterstände für die Nacht auf. Durch die plötzliche
Finsternis wird das erschwert. Einige Cichliden bringen ihre Jungen mit
Einsetzen der Dämmerung in eine Grube oder heften sie, wie in den
ersten Tagen nach dem Freischwimmen die Segelflosser, an ein Blatt.
Manche von ihnen haben gewissermaßen eine „Innere Uhr". Sie wissen von
sich aus, wann es Zeit ist, die Jungen ins Bett zu bringen. In anderen
Fällen wird das aber versäumt. Nicht eingesammelte Junge sind vor
Fressfeinden besonders gefährdet, manchmal vielleicht auch vor den
Eltern, die sie am frühen Morgen an unerwarteter Stelle vorfinden und
für Beute halten.
Manche
unserer Aquarienfische stehen nachts dicht unter der Wasseroberfläche.
Ist das ein natürliches Verhalten? Vielleicht ist es nur durch Atemnot
bedingt, die in mit Fischen dichtbesetzten und dichtbepflanzten
Aquarien durch die nachts ebenfalls Sauerstoff verbrauchenden und
Kohlendioxid abgebenden Pflanzen verursacht wird.
Auch die oft mangelnde Wasserzirkulation, manche Wasserfaktoren und
das Fehlen von jahreszeitlichen Temperaturschwankungen dürften das
natürliche Verhalten unserer Aquarienfische beeinflussen und eventuell
verfälschen. Aber auch hierbei reagiert natürlich jede Art anders und verschieden intensiv auf die einzelnen Faktoren.
Auch wenn sich die Fische unter Aquarienbedingungen nicht immer so
verhalten wie in Freiheit, geben sie uns doch die Möglichkeit,
Rückschlüsse auf ihr natürliches Verhalten zu ziehen. Das machen sich
die Verhaltensforscher zunutze, und auch der Liebhaberaquarianer kann
sich an der Erforschung der Verhaltensweisen seiner Pfleglinge
beteiligen. Voraussetzung ist dazu aber, die Tiere im Aquarium unter
optimalen Bedingungen zu halten und zu wissen, dass auch Fehldeutungen
möglich sind, die durch die Gefangenschaftshaltung bedingt sind. HTML clipboard
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