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Von Menschen und Fischen
Es gibt Dinge, die nicht zu beweisen sind. Wir können austesten, ob ein Mitmensch Farben erkennen kann oder nicht, ob er also ganz oder teilweise farbenblind ist oder sehtüchtig. Wie aber will ich herausbekommen, ob mein sehtüchtiges Gegenüber die Farben exakt so sieht wie ich selbst? Könnte es nicht sein, dass er Rot sieht wie ich Grün und Grün so, wie ich die rote Farbe sehe?
Doch nicht nur das, das gesamte Seelenleben unseres Gegenübers bleibt uns letztlich unzugänglich. Was empfindet er tatsächlich, empfindet er überhaupt etwas? Gute Schauspieler beweisen es uns tagtäglich, wie leicht es ist, seine Mitmenschen über das hinwegzutäuschen, was wirklich in unserem Inneren vorgeht. Letztlich sind wir aber alle fest davon überzeugt, dass das Innenleben unserer Mitmenschen, aller Menschen prinzipiell, dem unseren ähnlich ist. Wir werden es wohl nie exakt beweisen können, aber der Augenschein überzeugt uns davon: Unsere menschlichen Gegenüber haben Stimmungen, sie sind mal traurig, mal glücklich, mal zornig. Besonders die Sprache ermöglicht es uns, Einblick in das Innere unserer Mitmenschen zu gewinnen.
Haben auch Hunde ein inneres Erleben? Wer als Hundefreund täglich mit diesen Tieren umgeht, wird die Frage spontan mit „Ja“ beantworten. Auch Hunde können sich freuen, sie können enttäuscht sein und leiden. Träumende Hunde, die im Schlaf knurren oder sogar leise jaulend mit dem Schwanz wedeln, überzeugen uns endgültig: Hunde haben ein Seelenleben! Sicher werden wirkliche Hundekenner aber nicht glauben, dass das innere Erleben eines Hundes genau wie bei einem Menschen ist. Der weitgehend anderen Sinneswelt eines Hundes - man denke an seinen hochentwickelten Geruchssinn - dürfte auch ein anders strukturiertes Innenleben entsprechen.
Fische stehen uns noch weit ferner als Hunde. Sie sind meist kleiner als wir, leben in einem ganz anderen Lebensraum und sind einfacher gebaut. Haben auch sie ein Innenleben, das man vielleicht sogar verstehen kann? Auch hier sind Beweise unmöglich, ich persönlich bin jedoch davon überzeugt. Wer täglich mit Fischen zusammenlebt, wird bei vielen Gelegenheiten feststellen, dass sie keinesfalls seelenlose Instinktautomaten sind. Sie werden zwar in vielen Situationen von Instinkten gesteuert (wie Mensch und Hund übrigens auch!), aber gute Fischbeobachter sehen, dass das nicht alles ist. Natürlich darf man nicht so weit gehen und Fische als Gefühlsmenschen mit wenig Verstand ansehen. Sicher erleben Fische ihre Welt völlig anders als wir Menschen und vermutlich auch nicht so intensiv. Leider werden wir es nie exakt erfahren.
Aber noch einmal: Auch Fische haben ein Innenleben. Es ist wichtig, sich dieses klarzumachen. Aquarianer, die ihre Fische lediglich als komplizierte Instinktautomaten ansehen, werden kein schlechtes Gewissen haben, wenn sie ihre Tiere schlecht versorgen oder nicht artgerecht halten. Automaten sind nicht leidensfähig. Ich möchte hier Einblicke in das Innenleben der Fische ermöglichen. Dabei soll deutlich werden, dass Fische mehr als Automaten sind, dass sie andererseits aber auch nicht zu vermenschlichen sind. Deswegen vermeide ich in diesen Zusammenhängen Begriffe wie „Liebe“, „Freude“, „Zuneigung“, „Sorge“ und „Frust“. Sie sind zu sehr mit typisch menschlichen Gefühlen belegt - aber völlig absprechen können wir den Tieren vergleichbare Stimmungen sicherlich nicht.
Hierzu zwei Anmerkungen des Autors
"Fischverhalten" ist für alle gedacht, die Fische - sei es im Aquarium, sei es bei einem Tauchgang - nicht nur beobachten, sondern auch verstehen wollen. Ich selbst bin promovierter Biologe, der u. a. über das Verhalten von Fischen (speziell Zwergfadenfische) gearbeitet hat und der neben vielen populären Aufsätzen in Aquarienzeitschriften auch verschiedentlich in sehr angesehenen Fachzeitschriften veröffentlicht hat, z. B. in der "Zeitschrift für Tierpsychologie".
1. Ich habe diesen Text fast unverändert dem Vorwort zu meinem Buch "Fischverhalten" von 1994 entnommen. Das Buch ist nur noch antiquarisch zu bekommen, aber es ist - davon bin ich fest überzeugt! - das beste unter meinen zahlreichen Büchern und noch in jeder Hinsicht aktuell. Ich werde daher in den Oberkapiteln vielfach hierauf zurückgreifen.
In den Unterkapiteln werden passende Artikel und Aufsätze vorgestellt. Über Reaktionen dazu von Ihnen und Anmerkungen im Forum würde ich mich freuen, vor allem, wenn sich daraus eine fruchtbare Diskussion entwickeln kann!
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| Konrad Lorenz |
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2. Hier noch eine Anmerkung ganz persönlicher Art:
Ich hatte das Glück, mehrmals bei Konrad Lorenz, dem Nobelpreisträger und weltberühmten Verhaltensforscher, mit einigen wenigen Kollegen in seinem Haus in Klosterneuburg privat zusammen zu sitzen. Beim gemeinsamen Betrachten der Fische vor seinem großen Aquarium war ich zunächst verwundert, wie persönlich Lorenz über die Tiere sprach! - In der manchmal deutlichen Formulierung bin ich ihm hier vielfach gefolgt (vor allem in den journalistisch getönten Überschriften; z. B. "liebestolle Weibchen"). Zwar kenne auch ich den Spruch "Quod licet Jovi ...", aber in diesem Fall folge ich gern Konrad Lorenz. Und ich erinnere mich deutlich daran, wie er sich noch wenige Wochen vor seinem Tode über viele seiner "moderneren" Nachfolger mokiert hatte, die glaubten, tierisches Verhalten in erster Linie durch Tabellen und Zahlen ausdrücken zu müssen!
Mir ist durchaus bewusst, dass Lorenz´ und Tinbergens Instinkttheorie heutzutage von vielen Fachleuten kritisch hinterfragt wird. Genauere Informationen hierzu bei "Wikipedia" unter den entsprechenden Stichworten! Sollte ich mich mit meinen Anmerkungen zum Fischverhalten outen, dann werde ich das so hinnehmen. Ich folge hier der klassischen Ethologie, wie sie Konrad Lorenz verstanden hat. Gewiss gibt es verschiedene Sichtweisen, aus denen man tierisches Verhalten interpretieren kann. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Sichtweise von Konrad Lorenz hilfreich ist und in vieler Hinsicht "den Nagel auf den Kopf trifft"!
J. Vierke, Husum
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Pseudacanthias squamipinnis mit dem Schleimfisch Helcogramma striata (Zwerghähnchen) |
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