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»» Verbotene Liebschaften

Im Hauptkapitel habe ich unter "Leerlaufhandlungen" über ein Fadenfisch-Weibchen berichtet, das ein Männchen einer anderen Art regelrecht vergewaltigt hat. Unter den in mancher Beziehung unnatürlichen Bedingungen in unseren Aquarien kommt es immer mal wieder zu Konflikten und Problemen in der Partnerschaft. Diesmal geht es um "Mischehen", Homosexualität und Ehebruch!

Verbotene Liebschaften *

© Dr. Jörg Vierke

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Ein Parosphromenus linkei Männchen in seiner Bruthöhle

Kürzlich erhielt ich einige wirklich noch sehr kleine Prachtguramis, die ich gerne nachziehen wollte. Sie wurden mir jeweils als Paare verkauft. Ich hätte mir nicht zugetraut, die Geschlechter bei so jungen Tieren zu erkennen. Und es kam, wie es leider kommen musste: Ich zog zwei männliche Parosphromenus linkei auf und drei weibliche P. paludicola. Da die beiden Arten sich für Prachtgurami-Verhältnisse eigentlich recht deutlich unterscheiden, hatte ich die fünf Tiere gemeinsam in einem Aquarium untergebracht.

Es kam, wie es kommen musste: Es fand sich ein Liebespaar unter diesen Fischen, das wiederholt ablaichte, ein linkei-Mann und ein paludicola-Weibchen. Der entsprechende Film wird demnächst hier am Ende des Berichts erscheinen. Jetzt kann ich unschwer den etwas reißerischen Titel "Verbotene Liebschaften" erklären. Es hat damit keine moralische Bewandnis. Ich sehe es aus der Perspektive des Züchters. In diesem Fall war eine Nachzucht unmöglich. Gut so, denn wenn es Nachwuchs gegeben hätte, hätte ich nicht gewußt, was ich mit ihm anzufangen ist. Solche Mischlinge mögen interessant und schön sein, aber zur Arterhaltung wäre das kontraproduktiv. Man möchte die Arten unvermischt erhalten.

Ein Rocio octofsciata-Paar beim Laichgeschäft, beides Männchen

Aus der Sicht der Fische war die Sache natürlich völlig in Ordnung. Sie haben aus ihrer Situation das Beste gemacht. Entsprechendes kann man immer wieder beobachten. An anderer Stelle habe ich beschrieben, wie zwei große Buntbarschmännchen (Achtbindenbuntbarsche Rocio octofasciata) sich zusammentaten und gemeinsam abgelaicht hatten. Wenn es anders abgelaufen wäre, hätte der Größere versucht ein Revier zu gründen und den anderen als Nebenbuhler unter den engen Bedingungen im Aquarium umgebracht. So wurde er sein Liebhaber und sie hatten ein gemeinsames Revier. - Natürlich wurde das alles nicht von den Fischen geplant oder reflektiert. Es ergab sich eben so! **

Vor geraumer Zeit hatte ich Maulbrüterweibchen (Geophagus steindachneri) einzeln halten müssen, das einzige Männchen war gestorben. Wochen später trug eines der Weibchen Laich im Maul. Ich weiß nicht, ob es mit einem der anderen Weibchen abgelaicht hatte. Vielleicht hatte es die Eier auch ohne Partner(in) gelegt und alleine aufgenommen. Das ist eine relativ häufige Erscheinung bei allein stehenden Weibchen. Laichkleben unverpaarter Weibchen beobachtet man besonders bei Segelflossern (Pterophyllum scalare) nicht selten.

Ich hatte vor längerer Zeit ein sehr gut pflegendes Segelflosser-Paar, das häufiger schon Junge aufgezogen hatte. Eines Tages gab ich den Fischen ein Paar etwas kleinere Rauchskalare hinzu. Das Rauchskalar-Weibchen wollte allerdings von dem ihm zugedachten Partner nichts wissen, sondern "schwärmte" für den festverpaarten Segelflosser-Mann. Es schwamm immer wieder in das Revier des Ehepaares und balzte den Revierbesitzer geradezu unverschämt an. Der ließ es sich nach anfänglicher Gegenwehr auch gefallen und duldete schließlich die aufdringliche Verehrerin in seinem Revier.

Segelflosser-Weibchen (Pterophyllum scalare) am Laichblatt

Anders aber seine Frau! Sie griff die Nebenbuhlerin ganz hartnäckig an, und zumeist gelang es ihr auch, die Ehestörerin zu vertreiben. Doch leicht war das nie. Schließlich kam das Rauchskalar-Weibchen in Laichstimmung. Da ging es soweit, im Revier des Verehrten die Blätter zu putzen! Natürlich hat die rechtmäßige Besitzerin, die übrigens auch gerade in Laichstimmung war, dem Treiben nicht lange zugesehen und die Konkurrentin heftig angegriffen.

Das Männchen tat jedoch völlig unbeteiligt. Erst als es ganz kurz davor war, mit seiner alten Partnerin abzulaichen, beteiligte es sich am Vertreiben der Störerin, wenn auch nicht sehr intensiv. Als das Paar dann an einer Riesenvallisnerie ablaichte - was tat da das andere Weibchen? - zur genau gleichen Zeit heftete es wenige Zentimeter davon entfernt ihren Laich an ein Echinodorus-Blatt!

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Ein Paar Schwarzer Spitzschwanzmakropoden Pseudosphromenus cupanus - beides Weibchen!
Pseudosphromenus_cupanus_...
Nach dem Ablaichen wirbeln die weißen Laichkörner durcheinander, sehr zur Freude der Spritzsalmler!

Über die Dreiecksbeziehung dieser Tiere könnte ich einen ganzen Fisch-Roman schreiben. Nur soviel: Das Rauchskalar-Weibchen errichtete sein Revier direkt am Rande des Bezirkes der Altverpaarten. Das Männchen war so gnädig, hin und wieder auch mal mit diesem Fisch im dortigen Revier abzulaichen und vertrieb dann auch sein eigenes Weibchen aus der Nähe des Laichplatzes. Seine Frau versuchte nämlich, die Eier ihrer Rivalin zu fressen. Die Nebenbuhlerin war im entsprechenden Fall aber keinen Deut besser.

Außerhalb der Laichzeit waren dem Mann die Streitereien zwischen seiner Frau und seiner Geliebten offenbar ein Gräuel. Er kümmerte sich nicht darum.

Sicher haben einige Leser bemerkt, dass ich den Segelflossern durchaus menschliche Gefühle unterstellt habe. Das geschah bewusst. Auch im biologischen Denken gut geschulte Beobachter können sich beim Betrachten solcher Szenen nicht von solchen Gedanken frei machen. Die Versuchung, derart zu anthropomorphisieren, ist bei Fischen mit typischen Elternfamilien wie den Segelflossern natürlich viel stärker als bei Sozialformen, die uns Menschen ferner stehen. Vermutlich empfinden diese Tiere anders als wir. Aber kann jemand eventuelle Ähnlichkeiten mit letzter Sicherheit ausschließen?

Nicht nur bei Buntbarschen, auch bei Labyrinthern kommen gleichgeschlechtige Paare vor. Ich beobachtete eine derartige Paarung beim Schwarzen Spitzschwanzmakropoden (Pseudosphromenus cupanus). Ich kann sie hier auch im Bild vorführen. Ich hatte in meinem Gesellschaftsaquarium nur noch zwei Weibchen, ein älteres und seine Tochter. Wie war ich erstaunt, als die Mutter plötzlich ein Nest baute und ihre Tochter zum Nest führte! Es lief alles ab wie bei einer normalen Paarung. Wenn ich es nicht besser gewusst hätte, ich hätte geschworen, ein wirkliches Paar vor mir zu haben. Und ich hätte mich sehr gewundert, weshalb aus den Eiern, die doch das "Männchen" so vorzüglich gepflegt hat, keine Larven geschlüpft sind. (Anmerkung: Ausführliche Informationen zur Haltung und zum Verhalten der P. cupanus gibt es hier  >>>)

Gleichgeschlechtige Paare kommen vorwiegend bei Arten vor, deren Geschlechter sich sehr ähneln, also bei Fischen mit fehlendem oder mit nur geringem Geschlechtsdimorphismus ***. Ein Partner muss dann nämlich die Rolle des fehlenden Geschlechtspartners übernehmen. Homosexuelle Paare kenne ich vor allem von Pterophyllum scalare, von verschiedenen Cichlasoma- und Aequidens-Arten, von Trichopsis pumilus und von Pseudosphromenus cupanus. Man kann den Zusammenschluss derartiger "Paare" durch lange Einzelhaltung der Fische fördern - ich sollte wohl besser schreiben: verschulden.

Besonders bei Andinoacara pulcher und Herichthys cyanoguttatus ist offenbar, dass dann der Geschlechtsdrang viel stärker gestaut wird als der Kampftrieb. Wenn man derartig gehaltene Männchen zusammensetzt, zeigen sie weder Imponiergehabe noch kämpfen sie; sie balzen sich vielmehr sofort heftig an.

Diese Verbindungen bilden sich vermutlich nur unter den Bedingungen der Gefangenschaft. Im Freiwasser dürften sie zumindest zu den ganz großen Ausnahmen zählen. Ursache dieses Verhaltens ist wohl in allen Fällen das Fehlen oder die mangelnde Bereitschaft eines passenden Geschlechtspartners. Wenn sich ein homosexuelles Paar erst einmal gebildet hat, ist es allerdings oftmals schwer, es "umzuerziehen", also die Tiere wieder an andersgeschlechtige Partner zu binden.

Literaturhinweise:

Nieuwenhuizen, A. v. d. (1967): Exoten im Aquarium. Landbuch-Verlag, Hannover, S. 108-112

Oehlert, B. (1958): Kampf und Paarbildung einiger Cichliden, Z. Tierpsychol. 15, 141 -174

Vierke, J. (1971): Verbotene Liebschaften. Zwergfadenfisch-Mann paart sich mit Weibchen des Gestreiften Fadenfisches. AQUARIENMAGAZIN 5, S. 476- 483

* ein Wort voraus: Der Titel und die eine oder andere vermenschlichte Formulierung sind natürlich journalistisch überhöht! Ich bin nicht ganz so moralinsauer, wie es den Anschein haben könnte.

** Mehr über diese Fische hier  >>>

*** Aber Ausnahmen gibt es auch. Killifisch-Freunde wissen zu berichten, dass gelegentlich auch unter den Männchen von Nothobranchius-Arten Scheinpaarungen auftreten.