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Die Pflege und Zucht des Großen Knurrenden Guramis, Trichopsis vittata


Text und Fotos: Dr. Jörg Vierke

99Ein Trichopsis vittata-Vorkommen in Thailand. In den Randzonen des langsam fließenden Flüsschens findet man die Tiere
Im nördlichen Teil des Verbreitungsgebiets zeigen die Männchen oft einen dunklen Schulterfleck.

Im Hinblick auf die Trichopsis-Arten ist das Angebot in den Zoohandlungen schwankend. Häufiger als Trichopsis vittata habe ich die kleineren Arten Trichopsis pumila und T. schalleri gesehen. Vermutlich erklärt sich das dadurch, dass der kleinere T. pumila gelegentlich als Fisch für Kleinaquarien empfohlen wird. Hinzu kommt, dass der ähnliche, aber deutlich größer werdende schalleri oft mit pumila verwechselt wird!
Für größere Aquarien ist der Große Knurrende Gurami (T. vittata) zweifellos geeigneter. Er ist pflegeleicht und unter guten Lichtbedingungen ist er einer der schönsten Fische.
Als ich ein erwachsenes Tier aus einem der Stauseen am Rande eines Reisfeldes unweit der Landenge von Kra (bei Surat Thani) gekeschert hatte und das blaurot schillernde Tier den Einheimischen zeigte, waren sie zunächst sprachlos. "Wir hätten nie geglaubt, dass hier so schöne, farbenprächtige Fische in unseren Teichen schwimmen", sagten sie. Auch ich will gestehen, dass ich so farbenprächtige Tiere nur unter Wildfängen gefunden habe; wie bei so vielen Labyrinthfischen, lassen die Farben bei Nachzuchten nach. Das gilt besonders für die blaugrünen Schillerfarben. Außerdem gibt es unter den Trichopsis vittata viele verschiedene Farbrassen. Die Fische im Bereich der Landenge von Kra waren die schönsten, die ich bisher gesehen habe.

Große Knurrende Guramis Trichopsis vittata

Ganz ähnlich gemusterte, allerdings nicht so farbenprächtige, Trichopsis vittata fing ich in Südost-Thailand (50 km östlich von Rayong) im Unterlauf eines nur träge dahinfliessenden, etwa vier Meter breiten Flusses. Das war etwa einen Kilometer vor seiner Einmündung in den Golf von Siam. Genauere Untersuchungen der Spiritusexemplare ergaben zuhause auf Grund der Flossenstrahlzahlen und der Farbmuster, dass es sich hierbei um die von FOWLER (1934) als "Trichopsis harrisi" beschriebenen Tiere handeln musste. Mir war aber gleich klar, dass dieses bestenfalls eine Rasse von T. vittata sein könnte. Seit ich die Tiere aus Südwest-Thailand kenne, zweifle ich auch daran. Man sieht - Rassen und Arten sollte man nur definieren, wenn man großes, möglichst flächendeckendes, Material zur Verfügung hat. Ich bin nicht sicher, ob sich alle der derzeitigen Betta- und Parosphromenus-Spezialisten an diesen Grundsatz halten! Mal eben „auf Verdacht“ schnell eine neue Art beschreiben?!

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Die Paarungseinleitung wird vom Weibchen initiiert.
Zur Paarung umschlingt das Männchen das Weibchen. Das kann auch in einiger Entfernung vom Nest geschehen.
Die Paarungsschlinge aus einem anderen Blickwinkel.
 Die weißen Eier werden als Klumpen regelrecht herausgeschossen
Blitzartig reagiert das Männchen und nimmt sie mit einer einzigen Schnappbewegung auf. Sie werden anschließend zum Schaumnest gebracht.
Die Knurrenden Guramis sind oft richtige Heimlichtuer. Das steht vordergründig im Gegensatz zu ihrem auffallenden Knurren! Die Paarungen finden oft  - anders als bei den allermeisten anderen Labyrinthfichen - weit ab vom oft gut versteckten Schaumnest statt! So wird der Standort des Nestes nicht verraten!

 

Herkunft

Der Große Knurrende Gurami ist in fast allen Ländern Hinter- und Inselindiens einer der häufigsten Labyrinthfische. Bei einer maximalen Größe von 6,5 cm haben die schlanken Tiere dort aber keinerlei wirtschaftlichen Wert. Sie sind in allen Gewässern zuhause, die stillstehendes oder nur langsam strömendes Wasser haben. Die Fische lieben speziell für die Anlage ihrer Nester Wasserpflanzen, aber auch in wasserpflanzenfreien Zonen trifft man auf Knurrende Guramis. Ich sammelte sie gemeinsam mit kleinen Kletterfischen (Anabas) aus den Fangeimern der Thais, die in fast völlig vegetationslosen Klongs in Bangkok nach Garnelen fischten. Hier finden sie Zuflucht in den Grashalmen der Ufervegetation, die ins Wasser hängen.


Unterbringung

Wie oben schon angedeutet, ist der Große Knurrende Gurami für die Vergesellschaftung im Wohnzimmer-Aquarium besser als seine zarteren Gattungsgenossen geeignet. Die Knurrenden Zwergguramis gehen in größeren Gesellschaftsbecken regelrecht unter. Die Trichopsis vittata dagegen können sich behaupten, ohne dass sie einem der anderen Fische zu nahe kämen.
Alle Trichopsis-Arten sind - in nicht gar zu kleinen Behältern - absolut friedlich und vor allem pflanzenfreundlich. - Man sollte sich für ein schön bepflanztes 200-Liter-Aquarium gleich mehrere vittata kaufen; dann kann man abends gelegentlich die Männchen laut knurren hören. Die Geräusche haben fast die Lautstärke und den Klangcharakter einer Kinderrassel. Mit Knurren kann man es also nur bedingt bezeichnen, eher mit "Knarren".

 

Zum Knarren

Zum

Der Mechanismus der Lauterzeugung wurde schon vor Jahrzehnten von Dr. H. KRATOCHVIL aufgeklärt. Der Wiener Zoologe konnte zeigen, dass die Töne direkt durch die heftig vibrierende Brustflossenmuskulatur erzeugt werden. Dabei gleiten deren obere, kräftig entwickelte Sehnenpolster über spezielle Skelettelemente - ein Fisch, der Gitarre spielt! An der Resonanz beteiligen sich dabei die beiden Suprabranchialhöhlen (Labyrinthhöhlen) und der vordere Teil der Schwimmblase.
Bei Trichopsis vittata sind übrigens beide Geschlechter zur Lauterzeugung befähigt, bei Trichopsis pumila nur die Männchen. Im Bau des Lautbildungsapparates beim Knurrenden Zwerggurami besteht also, ganz im Gegensatz zu T. vittata, ein extremer Geschlechtsdimorphismus.


Fortpflanzungsverhalten und Zucht

Die Zucht der großen Knurrenden Guramis ist für Labyrinthfischkenner einfach. Die Tiere stellen an das Zuchtwasser keine Ansprüche, wünschen allerdings Temperaturen von 26 bis 28 Grad Celsius. Normalerweise sind sie mit jedem Futter zufrieden. Zuchttiere sollte man aber möglichst mit Lebendfutter verwöhnen. Besonders schwarze und weiße Mückenlarven fördern den Laichansatz der Weibchen.
Viele Zuchtversuche scheitern daran, dass man die Geschlechter der Knurrenden Guramis nur schwer unterscheiden kann. Alte Prachtmännchen sind zwar an ihren großen, vor allem breitflächigeren Flossen zu erkennen; sie werden auch größer als die Weibchen und tragen oft (nicht immer, das gilt nur für vittata aus den nördlichen Teilen des Verbreitungsgebietes!) einen dunklen Fleck in der Schultergegend.
Viel sicherer aber erkennt man die Weibchen an ihr
em Eierstock. Man sieht ihn oft schon bei halbwüchsigen Tieren. Er zieht sich unter der Schwimmblase im Schwanz hin und bildet ein fast gleichschenkliges Dreieck, das zur Schwanzflosse hin spitz ausgezogen ist. Oft schimmert er gelblich durch die Schuppen. Am besten erkennt man den Eierstock im Gegenlicht. Man betrachtet die Tiere dazu in einem kleinen Glasgefäß gegen eine stärkere Lichtquelle. Diese praktikable und sichere Methode ist auch für die anderen Trichopsis-Arten anzuwenden.
Zur Zucht werden die Tiere paarweise in ein nicht zu kleines, gut bepflanztes Aquarium gegeben. Man kann ein oder zwei Blumentopfhöhlen einsetzen, die vom Männchen gern als Niststandort gewählt werden, die aber dem Weibchen auch Zuflucht vor eventuellen Aggressionsausbrüchen des Männchens geben können.

Wenn das Nest aus zusammengetragenen Schaumblasen fertig ist, erweist sich oft das Weibchen als der aktivere Teil. Schräg mit dem Kopf nach oben, stellt es sich vor dem Männchen auf, wackelt mit dem ganzen Körper und gibt Knarrlaute von sich. Die unterscheiden sich wegen der etwas geringeren Lautstärke von denen des Männchens. Gelegentlich umkreist das Männchen jetzt seine Partnerin und knurrt zurück. Das Weibchen fasst dies zumeist als Signal zum Rückzug auf. Die eigentlichen Paarungen verlaufen stumm. Zumeist ist es wieder das Weibchen, das sich dem Männchen nähert. Das geschieht auch, wenn das Männchen nicht unter seinem Nest steht. Das Männchen schwimmt langsam auf das quer vor ihm stehende Weibchen zu und drückt seine Kehlregion in dessen Flanke. Daraufhin dreht das Weibchen seine Bauchseite zum Partner, wird von ihm jetzt regelrecht umschwommen und dann umklammert. Kaum drei Sekunden später erscheint ein weißes, zu Boden sinkendes Eipaket, das unverzüglich vom Männchen aufgeschnappt und wenig später ins Nest gebracht wird. Diese Paarungen wiederholen sich 15 bis 20 Mal, dann sind 100 bis 200 Laichkörner erschienen.
Nach Beendigung der Laichphase wird das Weibchen vom Männchen zumeist nicht mehr im engeren Nestbereich geduldet. Das Männchen übernimmt jetzt die Versorgung des Laichs. Oft bleibt das Weibchen aber noch in der weiteren Umgebung des Nestes und verfolgt mehrere Tage das Geschehen, verteidigt den äußeren Nestbereich auch gegen andere Fische. In seltenen Fällen habe ich sogar beobachtet, dass dem Weibchen vom Männchen erlaubt wurde, das Nest bei gelegentlichen „Ausflügen" des Männchens zu bewachen. Weibchen sind also Ersatzbrutpfleger. Ich nehme an, dass es auch in der Natur so sein dürfte; das Weibchen übernimmt die Brutpflege, wenn dem Männchen etwas zustoßen sollte. Dass es im Aquarium funktioniert, kann jeder beobachten. Man braucht dazu nur das brutpflegende Männchen vom Nest wegzufangen.

Man muss genau hinschauen um die unter dem Nest an Klebdrüsen hängenden Larven zu erkennen.

Wenn die Jungen nach etwa eineinhalb Tagen schlüpfen, verlagert das Männchen das Nest, unter Verwendung der Blasen des alten Nestes, an die Wasseroberfläche, sofern sich das Nest ursprünglich in tieferen Zonen befand (unter Blättern oder in Höhlen). Die Jungen hängen wie kleine, schwarze Kommas unter den Schaumblasen. Nach etwa vier Tagen haben sie ihren Dottersack aufgezehrt und schwimmen frei. Am ersten Tag ernähren sie sich von den in jedem Pflanzenaquarium ausreichend vorhandenen Einzellern. Doch bereits am nächsten Tag fressen sie frisch geschlüpfte Artemia-Nauplien. Wir erkennen es an den roten Bäuchlein der Kleinen. Die Salzkrebs-Kultur ist also rechtzeitig anzusetzen. Die weitere Aufzucht bereitet keine Probleme.

© Dr. Jörg Vierke 7.2013

 

 

Mehr zu den anderen Trichopsis-Arten bei "VIERKE Fischreisen":

Trichpsis pumila >>>

Trichopsis schalleri (mit Film!) >>>

Weitere Literatur-Hinweise:

Kratochvil, Helmut (1978): Der Bau des Lautapparates vom KnurrendenGurami (Trichopsis vittatus) Zoomorphologie 91

Vierke, Jörg (1975): Beiträge zur Ethologie und Phylogenie der Familie Belontiidae. Z. Tierpsychol. 38: 163 - 199

Vierke, Jörg (2012): AI 2(Aquarium International)