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»» Tigerbarsch und Zebra

Fast alle Buntbarschfreunde kennen Amatitlania nigrofasciata. Vor Kurzem nannte man ihn noch Archocentrus nigrofasciatum, zwischendurch auch Cryptoheros. Noch früher Cichlasoma nigrofasciata! Die deutsche Namensgebung ist ebenfalls verwirrend: Manche nennen ihn Grün­flossenbuntbarsch, andere Zebrabuntbarsch. Im englischen Sprachraum nennt mn ihn nicht untreffend "Convict Cichlid", also Sträflings-Buntbarsch!

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Datnioides polota, Tigerbarsch

Den zweite Fisch, von dem hier die Rede sein wird, Datnioides polota, werden nur versierte Aqua­rianer kennen. Daher fällt die seltsame Zusammenstel­lung nicht auf. Seltsam deshalb, weil die beiden Arten, von denen hier berichten wild, wirklich nicht viel miteinander gemein haben. Sie kommen aus verschiedenen Erdteilen, sind nicht miteinander verwandt und haben unterschiedliche Ernährungsweisen. Ihre einzige Gemeinsamkeit sind einige schwarze Querstreifen auf ihrem Körper. Das erscheint zu­nächst vielleicht als unwesentlich. Es gab aber Anlass für recht interessante Beobachtungen zum Verhalten der Tiere: Der Tigerbarsch erwies sich für die Zebrabuntbarsche als geradezu übernormale Art-Attrappe!

 

Verhaltensbeobachtungen an Tigerbarsch und Zebrabuntbarsch

©  Dr. Jörg Vierke

 

Den bekannten Zebrabuntbarsch braucht man hier nicht besonders einzu­führen. Dieser Cichlide stammt aus den Staaten Mittelamerikas. Er ist relativ friedlich und - unter Vorbehalt - auch im Gesellschaftsaquarium zu halten! Eine ausführliche Be­schreibung seines Äußeren erübrigt sich, es ist zwar im Zusammenhang mit der nachstehenden Schilderung wichtig, aber die Fotos zeigen alles Wesentliche. Männchen und Weibchen gleichen sich in Färbung und Muster weitgehend. Die Weibchen erkennen wir neben ihrer deutlichen Körper­fülle vor dem Laichen an leuchtend gold- oder orange-glänzenden Stellen in der Bauchgegend. Bereits mit etwa vier Zentimeter Größe sind die knapp 10 Zentimeter lang werdenden Buntbarsche zuchtfähig.

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Der Silbere Tigerbarsch Datnioides polota in meinem Aquarium
Datnioides polota, früher als quadrifasciatus bezeichnet, wird bei uns nur selten eingeführt. In Südostasien sieht man sie schon hin und wieder in Aquarien, meist allerdings auf dem Fischmarkt. Daher soll hier zunächst einiges über die Art gesagt werden. Die Gattung Datnioides zählt man zur großen Ordnung der Barschartigen (Percomorphi). Sie gehört jedoch in keine der den Aquarianern normaler­weise bekannten Familien, wie die Bunt- oder Nanderbarsche, sondern zur artenarmen Familie der Lobotidae. Datnioides polota fällt durch einige Merkmale sofort auf, zunächst einmal durch acht von der Ober- zur Unterseite durchgehende schwarze Querstreifen, die der Art ihren wissenschaftlichen Namen, aber auch den kambodschanischen Na­men gegeben haben: In seiner Heimat wird er krey kla (Tigerfisch) ge­nannt. Eigenartig ist die Körperform des Tigerfisches: Die Bauchlinie ist recht flach, der Rücken dagegen stark nach oben gewölbt, so dass uns das Tier fast bucklig erscheint. Auch die Seitenlinie macht diesen Bogen mit. Nicht zu übersehen ist auch das uns unharmonisch erscheinende Verhält­nis zwischen dem mächtigen Kopf und der nur sehr schmächtigen Schwanz­flosse am relativ dünnen Schwanzstiel. Des weiteren fällt der außerordent­lich stark ausgebildete zweite Stachel der Afterflosse (Anale) auf, der eine regelrechte Säbelform aufweist.

Es gibt in Südostasien noch 4 weitere Tigerbarsche, die relativ leicht an der Anzahl der Querstreifen zu unterscheiden sind. Für polota ist vor allem auch die silbrige Grundfärbung typisch. Man bezeichnet den Fisch daher auch als Silbernen Tigerbarsch.

Datnioides quadrifasciatus soll bis zu 35 Zentimeter lang werden. Der Fisch kommt von der Gangesmündung über Burma, Thailand, Kambodscha und Malaya bis zu den Inseln Indone­siens und Neuguinea vor. Als Brackwasserfisch hält er sich vor allem im Bereich der Fluß­mündungen und in den Unterläufen der großen Ströme auf. Er ist im Aqua­rium leicht an reines Süßwasser zu gewöhnen. Auch in seiner Heimat kommt er im Süßwasserbereich der Ströme vor und sogar in Süßwasserseen. Das große Maul kennzeich­net ihn als typischen Räuber, der im Aquarium mit kleinen Fischen und Regenwürmern zu ernähren ist.

Ich hielt in einem 250-Liter-Becken einen gut achteinhalb Zentimeter gro­ßen Datnioides polota, dessen Geschlecht nicht festzustellen war, zusammen mit vier damals etwa vier Zentimeter langen Zebrabuntbarschen und einigen anderen Fischen. Ich merkte bald, dass es sich bei den Cich­liden um ein Männchen und drei Weibchen handelte. Es bildete sich schnell ein Paar, das nach einigem Sandschaufeln in der hintersten Ecke eines schräg in den Boden ein­gegrabenen Blumentopfes ablaichte.

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Zebrabuntbarsche mit ihrer Brut
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Amatitlania nigrofasciata mit Jungfischen
Nach dem Schlüpfen wurden die Larven in anderen Höhlen untergebracht. Inzwischen hatte sich der Tiger­barsch zu einem regelrechten Tyrannen aufgespielt. Er jagte die Trichogaster-Arten, wo er sie nur antraf, Skalare und Welse ließ er dagegen völlig in Ruhe. Ich weiß nicht, warum er die Fadenfische so gehasst hat. Aber auch ein Zwergbuntbarsch-Männchen bekam Hiebe, wenn es sich nur in der Ferne zeigte.

Kurz vor dem Freischwimmen der jungen Zebrabuntbarsche "säuberten" die Eltern die Umgebung ihrer Höhle von anderen Fischen. Die Intensität, mit der sie die anderen Fische vertrieben, war jedoch artweise recht unterschiedlich. Die Welse wurden kaum ernst genommen. Auch die Skalare - ausgewachsene Tiere - ­konnten sich relativ leicht in den Bereich der Zebrabuntbarsche wagen. Ganz erbittert wurden jedoch die beiden Artgenossen bekämpft. Sie wurden durch das ganze Aquarium verfolgt und hingen bald verstört in der Ecke, die am weitesten von der Höhle entfernt war. Das wundert den Cichlidenkenner nicht. Gerade Artgenossen werden in solchen Fällen am heftigsten bekämpft.

Erstaunlich war jedoch die Reaktion der Altcichliden auf den Datnioides. Der Tigerbarsch wurde geradezu als Todfeind angesehen. Er setzte sich mit seinem riesigen Maul kräftig zur Wehr, und ich bin heute noch er­staunt, dass die Cichliden nicht die kleinste Verletzung hinnehmen mussten. Die mutigen Eltern bedienten sich aber auch einer besonderen Methode, und zwar einer, die mir bei Fischen völlig neu war: Nachdem sie erfahren mussten, dass allein nichts gegen den Riesen auszurichten ist, griffen sie ihn nur noch im Kon­voi an. Sie standen kurz vor dem Angriff genau parallel nebeneinander, in einem Abstand von einem bis drei Zentimetern. Anfangs pendelten sie oft - wie durch unsichtbare Bande miteinander in Parallelstellung verbunden - gemeinsam vor und zurück. Dann schossen sie - die ganze Zeit wie Kampfflugzeuge beim Angriff direkt Seite an Seite - blitzschnell auf den Gegner zu. Für etwa eine Sekunde nach dem Rammstoß wirbelten die Tiere wild umeinander, und sofort darauf flohen die Kleinen zurück in ihre Ecke, um sich gleich wieder zum nächsten gemeinsamen Angriff zu sammeln. Nach wenigen Stunden wagte sich der große Raubfisch nicht mehr in die Hälfte des Aquariums, die von den kleinen Kämpfern verteidigt wurde. Seitdem er­schien er nur noch in dem Bezirk, wenn es Futter gab. Das löste natürlich gleich wieder die eben beschriebenen Kämpfe aus. Der Rammstoß und der darauf folgende kurze Kampf erfolgten so schnell, dass man mit den Augen kaum folgen konnte.

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Angriff der Zebras! Der Tigerbarsch frisst ihre Brut, die mit einem Scharm Wasserflöhe mitschwimmt.

Unter dem Schutz ihrer Eltern konnten die kleinen Zebrabuntbarsche, von mir gut mit Artemia-Nauplien versorgt, zunächst sicher heranwachsen. Bis ich dann wieder einmal unsortiertes Tümpelfutter in das Aquarium gab, das für die damals etwa acht Millimeter großen Jungen zum Teil schon von Interesse war. Mit einem großen Schwarm Wasserflöhe zogen sie, ohne auf Signale ihrer Eltern zu achten und eifrig auf der Jagd nach Fut­tertieren, in die andere Hälfte des Aquariums direkt vor das Maul des Tigerfisches. Dem schmeckten die Jungfische offenbar sehr viel besser als Wasserflöhe, und jetzt waren die Kleinen nirgendwo mehr vor ihrem Feind sicher. Er nahm jetzt auch die erbittertsten Rammstöße der Cichliden in Kauf. Mir taten die Kleinen leid, aber ich konnte nur noch wenige von ihnen retten und in ein anderes Aquarium überführen.

Warum hatten die Cichliden den Tigerfisch eigentlich von Anfang an so heftig angegriffen? Sahen sie ihm seine Gelüste an? Gewiss nicht. Wie eingangs schon gesagt, werden Artgenossen im eigenen Revier am heftig­sten bekämpft. Der Tigerfisch wurde - zweifellos aufgrund seiner außer­ordentlich ähnlichen Färbung - als Artgenosse angesehen und auch so behandelt. An den Streifen also erkennen Zebrabuntbarsche ihre Artge­nossen. Wieso ich das so steif und fest behaupte? Die Streifen sind das einzige Merkmal, das beiden hier genannten Arten gemeinsam ist. Dass die Cichliden den Datnioides tatsächlich als Artgenossen angesehen ha­ben, das soll die letzte Beobachtung zeigen.

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Zebrabuntbarsch-Weibchen am Laichstein
Der von den beiden Cichliden-Eltern geprügelte Fisch durfte sich also in der einen Hälfte des Aquariums unbehelligt aufhalten. Während die ande­ren noch ihre Jungen führten, kam hier nun eines der beiden allein stehen­den Zebrabuntbarsch-Weibchen in Laichbereitschaft. Wieder und wieder umschwamm es mit weit gespreizten Flossen seinen Angebeteten - den Tigerbarsch! Natürlich verstand er diese Werbung nicht und erwiderte sie in keiner Weise. Mit gesenktem Kopf und - vermenschlicht gesagt ­- sicherlich froh, dass wenigstens dieser gestreifte Cichlide nicht biss, ließ er die Werbung über sich ergehen. Es muss wirklich verwirrend für den be­dauernswerten Tiger gewesen sein. Wenn er nur etwas weiter ins offene Wasser hinausschwamm, kam er in den Bereich der brutpflegenden Cich­liden und wurde verprügelt, hier aber wurde er von einem genau identisch aussehenden Fisch umworben. Es sollte noch gesagt sein, dass das gerade genannte Cichliden-Weibchen alle weiteren Fische heftig beißend aus der Nähe seines Geleges vertrieb - nur eben den Tigerfisch nicht! - Sicher unnötig zu sagen, dass der Tigerbarsch das Werben des "Zebras" nicht als solches verstand!

Einen Tag später laichte das allein stehende Zebraweibchen an einem senkrecht stehenden Stein ab. Nicht, ohne zwischendurch immer wieder zum Tiger­fisch zu schwimmen und ihn anzubalzen und zu versuchen, ihn zum Gelege zu führen. Natürlich war dieser Versuch nicht von Erfolg gekrönt, und dass aus den unbefruchteten Eiern trotz heftigster Fürsorge durch das Weibchen keine Jungen schlüpften, ist ohnehin klar.

Das Verhalten dieses Weibchens war keineswegs ein einmaliger Fall. Gerade jetzt, während ich diese Zeilen schreibe, pflegt dasselbe Tier frisch abgelegten Laich. Dies­mal in der eingangs schon erwähnten Blumentopfhöhle. Alle Zebrabunt­barsche werden heftig aus der Nähe der Eier vertrieben, auch das Zebra-Männ­chen, das zur Zeit offenbar kränkelt. Nur ein Fisch darf sich ungestört bei der Zebra-Mutter aufhalten und wird von ihr sogar mit weitgespreizten Flossen umschwommen und umworben - der Tigerbarsch.

Nun ist sicher deutlich geworden, dass Zebrabuntbarsche Artgenossen an ihren schwarzen Querstreifen erkennen. Der Datnioides erwies sich, natürlich ungewollt und auch von mir unbeabsichtigt, als hervorragende Zebrabuntbarsch-Attrappe, auf die die Cichliden mehrfach hereinfielen: Einmal bei der Revierverteidigung und das andere Mal bei der Balz.

©  Dr. Jörg Vierke

Nachsatz: Dieser Bericht ist überarbeitet, aber keineswegs neu. Meine  Beobachtungen sind von 1975 und wurden seinerzeit im Aquarien-Magazin (Kosmos Verlag) veröffentlicht. Sie dürften aber gewiss auch heute noch interessant sein. Ich bedauere allerdings, dass ich die Fische damals nicht gefilmt habe!

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Das Zebrabuntbarsch-Weibchen wirbt um den Tigerbarsch, der verunsichert eine Kopf-unten-Stellung eingenommen hat


 

Anmerkung: In "Fischreisen" gibt es einen ausführlichen Bericht zum Fortpflanzungsverhalten des Zebrabuntbarsches Amatitlania nigrofasciata mit zahlreichen Fotos und einem Film!  >>>

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