Parosphromenus sp. aff. paludicola
Beobachtungen zum Fortpflanzungs- und Lernverhalten der Dunklen Sumpf-Prachtguramis HTML clipboard
© Dr. Jörg Vierke
Vor einiger Zeit erhielt ich von Allen Brown einen kleinen Trupp Prachtzwergguramis. Diese Fische wurden als Parosphromenus paludicola bezeichnet mit dem Fundort Wakaf Tapei. Dieser Ort liegt im Norden Malaysias an der Ostküste etwas südlich von Kota Bharu.
rechts: Männlicher Sumpf-Prachtgurami, Parosphromenus affin. spec. paludicola
Junge bzw. halbwüchsige Parosphromenus sehen alle sehr ähnlich aus mit ihren zwei prägnanten Körperlängsstreifen auf hellem Körper. Gerade paludicola sind
jedoch leicht auch in diesem Stadium zu erkennen, denn sie haben eine
auffallend lang ansetzende Rückenflosse, was sich auch in der Anzahl
der Dorsalstachel ausdrückt. Mit dem Heranwachsen der Tiere zeigte
sich, dass sie nicht das mir von Fotos bekannte Farbmuster der paludicola
annahmen. Wie sich später herausstellte, legten die Männchen das
"Halbwüchsigen-Muster" nicht einmal zur Balz oder zum Ablaichen ab! Die
Weibchen allerdings färbten sich in diesen Situationen einheitlich
metallisch glänzend dunkel.

Bild links: Männchen vor seiner Bruthöhle
Dieser auffallende Unterschied zu den eigentlichen P. paludicola war vor mir schon Prof. Peter Finke aufgefallen, einem der besten Parosphromenus-Kenner.
Auch wenn sich in den Flossenformeln offensichtlich keine Unterschiede
zeigen, dürfte es sich um zwei verschiedene Arten handeln, davon bin
ich überzeugt. Wenn sympatrisch lebende nahe verwandte Formen eine
auffallend unterschiedliche Balzfärbung zeigen, ist das für mich ein
eindeutiges Indiz, dass sie auch verschiedene natürliche
Fortpflanzungsgemeinschaften bilden.
Übrigens sind die beiden Arten auch außerhalb der Fortpflanzungszeit gut zu unterscheiden. Die echten P. paludicola
haben deutlich sichtbare Punkt- oder Tüpfelmuster in den unpaaren
Flossen. Bei der Wakaf Tapei Form sind die Flossen dagegen
ungezeichnet. Sie können jedoch speziell bei balzenden Weibchen mehr
oder weniger einheitlich rötlich gefärbt sein.
Eine
wissenschaftliche Beschreibung der neuen Form steht noch aus.
Schnellschüsse aus der Hüfte sollte man tunlichst vermeiden - Insider
wissen, wovon ich rede. Vor allem kann man derzeit noch nicht einmal
sicher sein, welche von den beiden Formen Tweedie, der Erstbeschreiber
von P. paludicola, überhaupt gemeint hat!
Zur vorläufigen Abgrenzung der beiden Formen sollte man die Wakaf Tapei Form als Parosphromenus spec. affin. paludicola bezeichnen,
eventuell noch unter Hinzufügen des Fundortnamens. Als deutscher Name
würde sich gut "Dunkler Sumpfprachtgurami" machen. Die andere Form
könnte man dann als "Goldenen Sumpfprachtgurami" bezeichnen, da im
Prachtkleid diese Farben vorherrschen.
Bild rechts: Dunkler Sumpfprachtgurami. Weibchen an der Bruthöhle
Tatsächlich
sind es vor allem die Weibchen, die sich zur Fortpflanzungszeit
auffallend dunkel färben, aber das sollte bei der Namensgebung nicht
stören; entsprechend hat man ja auch den Namen des "Schwarzen
Spitzschwanzmakropoden" zu verstehen. Auch dort bezieht sich die
Farbangabe nur auf die Ablaichfärbung der Weibchen.
Haltung
Die
Fischchen sind ausgesprochen zart. Sie erreichen nicht einmal die Länge
eines normalen kleinen Fingers, haben also Guppy-Männchen-Größe. Es
handelt sich um furchtsame Tiere, die die Gesellschaft anderer Fische
nur ungern mögen. Ich hatte meine kleinen Sumpfprachtguramis zusammen
mit maulbrütenden Zwergbettas (Betta albimarginata) aufwachsen
lassen, wirklich harmlose Fische ohne größere Revieransprüche. Auch
wenn die Bettas erkennbar massiger sind, es gab keine Probleme. Doch
erst als ich die Bettas in ein anderes Becken überführt hatte, blühten
die Prachtguramis auf. Sie zeigten sich häufiger, versteckten sich kaum
noch und bereits drei Tage später laichten sie das erste Mal ab! Fazit:
diese Fischchen sollten im Artbecken untergebracht werden! Ein 20-Liter
Aquarium reicht für diesen Zweck!
Ich halte in
einem 30-Liter-Aquarium 3 Männchen und 3 Weibchen. Hier gibt es keine
hartnäckigen Revierstreitigkeiten, lediglich fortpflanzungsgestimmte
Weibchen haben kurzzeitig heftige Gefechte - aber alles bleibt harmlos.
Dunkel gefärbt, mit prall gespannten Flossen stellen sie sich parallel
zueinander und rudern heftig mit den Schwänzen. Ernsthafte Beißereien
habe ich nicht gesehen.
Die Fische
brauchen neben ihren Versteckmöglichkeiten in Form von Wurzeln oder
Pflanzenbüscheln außerdem leicht saueres Wasser von etwa 25° C und
kleines Lebendfutter. Auf eine Filterung kann man verzichten, sie sind
weniger empfindlich als einige andere Parosphromenus.
Fortpflanzungsvorbereitungen und Schlafzimmeraugen
Ein
paar Worte zuvor: Ich will hier nur von meinen Beobachtungen an diesen
6 Fischen und unter diesen Bedingungen sprechen! Wieweit man sie
verallgemeinern kann, kann ich nicht sagen! Bis vor kurzem war ich
davon überzeugt, dass die dunkle Färbung ausschließlich bei den
Weibchen auftritt. Jetzt konnte ich allerdings auch ein dunkel
gefärbtes Männchen beobachten. Es trug diese Färbung morgens als ich
die Aquarienbeleuchtung einschaltete, legte sie dann aber schnell ab.
Das Farbkleid ist also auch tageszeiten- und / oder lichtabhängig. -
Auf den hier gezeigten Blitzlicht-Fotos erscheinen die Weibchen
übrigens deutlich aufgehellt!
Foto rechts: Paar Dunkler Sumpf-Prachtguramis an ihrem Schneckenhaus. Oben rechts das Weibchen mit "Schlafzimmeraugen".
Wie oben
schon erwähnt, begannen die Fische direkt mit Balz und Fortpflanzung,
nachdem ich ihre zweifellos harmlosen Mitfische entfernt hatte. Die
Bettas hatten eindeutig gestört! Im Aquarium befinden sich eine kleine
Tonhöhle und zwei Schneckenschalen, letztere fanden bei den Bettas
übrigens kein Interesse! Aber sobald die aus dem Aquarium waren, wurde
das erste Schneckenhaus schon von einem der Pseudo-Paludicola-Männchen
bezogen.
Bei diesem
Schneckenhaus handelt es sich um das Gehäuse einer großen
Sumpfdeckelschnecke. Ich wäre nicht überrascht, wenn es auch in den
malaiischen Heimatgewässern unserer Sumpffische solche leeren Gehäuse
gibt und wenn sie von den kleinen Prachtzwergguramis auch dort als
Wohnung und Aufzuchtort für die Brut benutzt werden.
Im
Normalkleid sind die Geschlechter beim Dunklen Sumpfprachtgurami nur
schwer zu unterscheiden. Allerdings scheint mir, dass die Weibchen
etwas gedrungener gebaut sind. Auch bleiben sie wohl etwas kleiner als
gleichaltrige Männchen.
Die
revierbesitzenden Männchen haben - ganz im Gegensatz zu den mir sonst
bekannten Prachtzwergguramis - kein typisches Prachtkleid. Gelegentlich
verlassen sie ihre Höhle um ganz schnell zum Wasserspiegel zu schießen,
dort ebenso schnell eine Luftblase aufzuschnappen und dann direkt zur
Höhle zurückzukehren. Hier wird unter der Höhle ein Schaumnest
errichtet - was man bei den Schneckenhäusern direkt aber nicht sehen
kann. Es ist bestens gegen Sicht geschützt! - Das ist übrigens die
einzige Gelegenheit, bei der ich diese kleinen Labyrintfische beim
Luftschnappen sah!
Nur selten
verlässt das Männchen die Höhle und balzt quer mit gespreizten Flossen
ein Weibchen an. In dieser Situation verblassen die sonst sehr
kontrastreichen Streifen der Männchens etwas. Aber diese Balz ist
nichts im Vergleich zu dem, was die Männchen anderer Parosphromenus-Arten an Pracht zeigen!
Die
Werbung obliegt hier - ganz untypisch für die meisten Tiere - den
Weibchen. Sie sind jetzt auch entsprechend gefärbt! Ihre dunkle Färbung
schimmert im richtigen Licht metallisch und ihre unpaaren Flossen
nehmen eine Rotfärbung an, die im richtigen Auflicht schön glitzern.
Das wird dann natürlich auch durch Flossenspreizen gezeigt. Dazu baut
sie sich direkt quer vor ihm auf!
Abb. links: Augenzeichnung eines unerregten und - rechts - eines sexuell erregten Weibchens
Interessanterweise
kann man den Weibchen sehr genau ansehen, wie hoch ihre sexuelle
Erregung ist. Hochmotivierte Weibchen haben richtige
"Schlafzimmeraugen", ein Verhalten, das übrigens auch andere
Parosphromenus-Arten zeigen! Der normalerweise einheitlich helle
Irisring, der die immer dunkle Pupille umgibt, färbt sich dann in der
Breite der Pupille oben und unten ebenfalls schwarz. Somit erscheint
die Pupille bei sexuell erregten Weibchen wie ein senkrechter Balken.
Das ist schon recht auffallend!
Die
beschriebene Augenfärbung ist bei vielen Fischarten durchaus die Regel.
Auf diese Weise wird die ansonsten recht auffällige runde Pupille
getarnt. Bei den Weibchen der Prachtzwergguramis tritt dieses
Farbmuster jedoch erst in der beschriebenen Situation auf! Ob das auch
seine Wirkung auf die Männchen hat??
In
diesen Situationen versuchen die Weibchen in die Höhle einzuschwimmen.
Ich habe ein Weibchen beobachtet, das dieses immer nur
rückwärtsschwimmend gemacht hat, sie schwamm also immer mit der
Schwanzflosse voran in das Schneckenhaus. Offenbar ließ das Männchen
das anders nicht zu! - Bei anderen Gelegenheiten sah ich die Weibchen
aber auch normal in die Höhle schwimmen.
Abb. rechts: Rückwärts schwimmt das Weibchen in die Höhle ein. Beachte die Augen!
Paarung und Ablaichen
Bei den
Sumpfprachtguramis geht alles sehr friedlich ab. Die Fische umschwimmen
sich in der Höhle, das Männchen wedelt gelegentlich auch heftig mit der
Schwanzflosse - vermenschlicht ausgedrückt wohl ein Zeichen von
Ungeduld - und umschlingen sich dann.
Wie
bei Labyrinthfischen üblich ergeben die ersten Paarungen noch keine
Eier, es sind Scheinpaarungen. In dieser Zeit verlässt das Weibchen
noch immer wieder die Höhle.
Links: Zur Paarung umschlingen sich die Fische
Wenn die
eigentlichen Paarungen erfolgen, also die mit Eiausstoß - bleibt das
Weibchen fast die ganze Zeit in der Höhle, auch in den Laichpausen.
Eine typische Paarung beginnt mit der Umschlingung. Die Fische schweben
dabei frei im Wasser in ihrer Höhle. Dann geht ganz plötzlich ein Rück
durch die Fische und die Umklammerung wird sichtbar enger. Dabei
sinkt das umschlungene Paar in der Regel ein kleines Stück nach unten.
Mit Glück kann man erkennen, dass exakt in diesem Moment auf einen
Schlag ein Schwung trüb-weißlicher Laichkörner abgegeben wird. Bei
diesen Fischen ist das möglich zu sehen, weil ihre Flossen - im
Gegensatz zu den meisten anderen Prachtguramis - transparent
durchsichtig sind. Da das Männchen in dieser Situation U-förmig gebogen
unter dem Weibchen im Wasser hängt, landen die nach unten sinkenden
Eier direkt auf dem Körper oder der Afterflosse des Männchens, in der
Regel genau dort, wo die Afterflosse am Körper ansetzt. Jetzt löst sich
die Umschlingung, das Weibchen wird frei gegeben. Währenddessen
verharrt das Männchen noch wie im Trance in seiner Haltung.
Rechts: Nach der Paarung bildet das unten liegende Männchen mit dem Körper eine Schüssel, in der die Eier liegen.
Üblicherweise
sammelt das Weibchen die Laichkörner jetzt vom Körper des Männchens ab.
Es schwimmt nun nach oben zur Höhlendecke und klebt die Eier an die
Schaumblasen. Anschließend sucht es noch am Höhlenboden nach eventuell
verlorengegangenen Eiern um auch die unter das Nest zu kleben. Hierbei
wird ihr oft auch vom Männchen geholfen. - Das Ganze kann sich zwei
Stunden hinziehen, dann übernimmt das Männchen die alleinige
Brutpflege.
Fische sind lernfähig!
Auch im
Bereich des Fortpflanzungsverhaltens kann man Lernvorgänge beobachten!
Auch das haben mir die Dunklen Sumpfprachtguramis gezeigt, und zwar,
als ich sie bei ihrem Paarungsverhalten gefilmt hatte. Die
entscheidenden Teile des Films werden hier demnächst zu sehen sein!
Foto
links: Nach der Paarung, rechts (am Ansatz der Anale) sieht man die
weißlichen Eier. Das Weibchen sucht aber an der falschen Stelle - an
der Rückenflosse und macht dort sogar Schnappbewegungen!
Ich filmte
die Fische bei ihrem garantiert ersten Fortpflanzungsversuch, drei
Tage, nachdem die Bettas das Aquarium ihnen überlassen mussten (siehe
oben!).
Wie die
Filmaufnahmen belegen, musste das Weibchen eine wichtige Handlung erst
erlernen - und das hat gedauert! Erinnern wir uns: direkt nach der
Paarung bleibt das Männchen in der Paarungsstarre liegen und das
Weibchen soll dann die Eier aus der Schüssel aufsammeln, die vom Körper
des Männchens gebildet wird. Das ist in der Natur sicher sinnvoll, denn
zu Boden fallende Eier sind sicher gefährdeter. Interessanterweise war
das Weibchen anfangs nicht in der Lage, die Laichkörner aufzunehmen. Es
suchte zwar ganz offensichtlich nach etwas - aber gewiss wusste das
Weibchen nicht wonach es suchte! Es suchte an der falschen Stelle, in
der Gegend des Rückenflossen-Ansatzes und machte dort auch
Schnappbewegungen in die Luft. Mit anderen Worten - angeborenermaßen
"wusste" sie, dass
es hier und jetzt irgendwas aufzunehmen gibt, aber sie musste noch
lernen was und wo! Wie der Film zeigt, fand sie nach vielen Paarungen
und etwa einer halben Stunde, mehr oder weniger durch Zufall die Eier!
Die schnappte sie dann auch auf und sie brachte sie zum Nest. Und
jetzt, erst jetzt war sie auch in der Lage, am Boden der Höhle nach
heruntergefallenen Laichkörnern zu suchen. Das Männchen hatte das
vorher alles allein gemacht - jeweils lange nachdem es aus seiner
Paarungsstarre "erwacht" war. Im Ernstfall hätten Laichfeinde ein
leichtes Spiel gehabt!
Rechts: Nach den Paarungen wird der Boden nach eventuell verlorengegangenen Eiern abgesucht
Die Mutter
hatte also angeborenermaßen gewusst, dass es nach der Eiabgabe was
aufzuschnappen gibt, sie wusste nur nicht, was das sein sollte und wo
es genau zu finden ist. Im Verlauf der Laichakte hatte sie gelernt und
am Schluss war sie fast perfekt. Sie kümmerte sich auch intensiv um die
Nachsuche nach eventuell zu Boden gefallene Eier!
Noch ein
Nachsatz: Natürlich sind die geschilderten Beobachtungen zum Lernen
grundsätzlich nicht überraschend. Es ist eine der Grundaussagen der
Klassischen Ethologie, dass Verhaltensweisen aus einer angeborenen
Komponente (Erbkoordination) und einer zu erlernenden
Richtungskomponente (Taxis) zusammengesetzt sein können! HTML clipboard
© Dr. Jörg Vierke
Der folgende Film (5 min) zeigt die geschilderten Beobachtungen in aller Ausführlichkeit. Nicht vergessen: Ton an!
Anmerkung:
So richtig prachtvoll sind die Sumpf-Prachtguramis von der Färbung her
nicht! Ihr Name bezieht sich auf die anderen, in der Regel weit
farbigeren Mitglieder der Gattung Parosphromenus. Wer mehr über diese Juwelen wissen möchte, kann sich auf meiner Seite in "Fischreisen" informieren: Prachtzwergguramis. Dort gibt es auch einen ausführlichen Film zum Fortpflanzungsverhalten des Parosphromenus spec. Langgam.
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