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Schwarmverhalten

 

Harmlose Horden in auffallenden Uniformen

Zitronensalmler Hyphessobrycon pulchripinnis

Zitronensalmler, Schönflossensalmler Hyphessobrycon pulchripinnis
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Heringsschwarm (Clupea harengus) im Aquarium Kiel

Ein schön bepflanztes Gesellschaftsaquarium erinnert an einen üppigen Unterwasserdschungel, in dem die Pflanzen dominieren. Die Fische sieht man erst auf dem zweiten Blick. Treten wir an ein solches Becken! Da jagt ein nur etwa 3 cm langer Zebrabärbling aus dem Vallisnerien-Dickicht, blitzschnell verfolgt von einer Vielzahl schwarz-weiß längsgestreifter Ebenbilder. Der etwa 15 Fischchen zählende Trupp ist Sekunden später wieder hinter einer großen Kienholzwurzel verschwunden um ebenso schnell wieder aufzutauchen. Unermüdlich jagen die kleinen Zebras durch das Becken, eben noch schien es, als würden alle nur den einen verfolgen - oder ist er der Anführer? - schon wird ein anderer gejagt.

Das große Gesellschaftsaquarium beherbergt noch weitere Schwarmfische: Zitronensalmler. Sie sind weit ruhiger als die Zebrabärblinge, ihre Schwimmweise ist nicht wie bei jenen fließend, sondern eher ruckartig. Kein Zebra scheint Interesse an den Zitronensalmlern zu haben. Umgekehrt ist es nicht anders; sie scheinen füreinander Luft zu sein. Nur wenn es ums Fressen geht, dann versuchen sie sich manchmal gegenseitig Futterbrocken abzujagen.

Die Zitronensalmler halten offensichtlich auch zusammen. Ihr Trupp steht ruhig im Schatten unter der Wurzel. Wenn es Futter gibt, ist sich aber jeder selbst der nächste und man nimmt voneinander nur wenig Notiz. Aber doch scheinen sie immer wieder aufeinander zuzustreben. Die leuchtend zitronengelbe Vorderkante ihrer Afterflosse ist dabei so etwas wie ein Vereinsabzeichen - hieran erkennt man Zusammengehörige!

Drüben in den Pflanzen spielt sich jedoch etwas ab, das man bei Schwarmfischen nicht erwarten sollte. Zwei Zitronensalmler umkreisen sich dort. Sie halten ihre unpaaren, gelblich gefärbten Flossen mit ihren dekorativen schwarzen Rändern weit ihren abgespreizt. Den Kopf schräg nach oben, den Körper quer zum anderen Fisch gestellt, scheint der eine wie ein Segelboot vor ihm hinzugleiten. Ein schneller Zustoß des anderen unterbricht das Prahlen, aber schon geht dieses Imponierschwimmen weiter. Das hat nichts mehr mit Schwarmverhalten zu tun.

Was passiert wohl, wenn wir einen neuen Fisch hinzugeben? Ein Zebrabärbling würde sich sofort dem Zebraschwarm anschließen, ein Zitronensalmler dem Schwarm seiner Artgenossen. Es gäbe nicht die geringsten Schwierigkeiten bei der Eingliederung. Schlimm allerdings, wenn in unserem Becken kein Zebraschwarm wäre. Ein einzeln hinzugefügter Zebrabärbling hätte niemanden, mit dem er durch das Becken jagen könnte. Vermutlich versucht er schließlich, die Salmler zu jagen - dann kann er den ruhigeren Tieren ausgesprochen lästig werden. Aber auch der Zebra kommt dabei nicht auf seine Kosten. Irgendwann gibt er auf, steht auch mehr oder weniger ruhig in der Ecke, stellt das Fressen ein oder aber er beginnt zu verfetten - mit etwas Einfühlungsvermögen beginnt man zu erkennen, was ein unglücklicher Fisch ist!

Geben wir zu unseren Zitronensalmlern jedoch einen sehr auffallenden, großen Fisch in das Aquarium - etwa einen Segelflosser - dann ändert sich das Bild sofort. Ihre harmlosen Balgereien sind vergessen, die Futtersuche ist in dieser Situation unwichtig. Nie sehen wir unseren Salmlerschwarm so dicht aufgeschlossen wie im Zustand einer wirklichen oder einer vermeintlichen Gefahr, nie ist ihr Flossenzucken so aufgeregt wie jetzt. Sobald die Fische jedoch erkennen, dass der Neuankömmling harmlos ist, wird auch der Schwarmzusammenhalt wieder lockerer.

* * *

 


Man sieht wie sich Mollys - sonst nur in sehr lockeren Verbänden unterwegs - aus Furcht vor einem Fressfeind zu einem engen Schwarm zusammenfügen.
Puntius (Barbus) tetrazona / anchisporus - Sumatrabarben

Schwärme sind klar von jeder zufälligen Ansammlung von Fischen wie sie beispielsweise an der Futterstelle vorkommt, zu unterscheiden. Schwarmfische halten zusammen, weil sie ein angeborenes Bedürfnis nach Artgenossen haben. Verhaltensforscher sprechen hier von "sozialer Attraktion". Im Allgemeinen sind Fischschwärme auch dadurch ausgezeichnet, dass alle Mitglieder zur gleichen Zeit in etwa den gleichen Tätigkeiten nachgehen und dass sie alle den gleichen sozialen Rang haben. Der gleiche soziale Rang schließt Kämpfe unter Schwarmgenossen aus - in einem wirklich großen Schwarm hätte der Sieger auch nicht viel von seinem Sieg, denn den Unterlegenen würde er nicht so schnell wiedererkennen. Im Aquarium sind die Verhältnisse anders, hier gibt es weniger Raum und auch weniger Schwarmmitglieder als in der Natur. Wenn sich Schwarmfische hartnäckig prügeln, handelt es sich meist um aquarienbedingtes Verhalten.

Der Schwarmzusammenhalt dient letztlich dem Schutz vor Feinden. Sicher sind zwei Faktoren für die Schutzwirkung eines Schwarms von Bedeutung: Ein Schwarm wird eher auf das Nahen eines Feindes aufmerksam als ein Einzelfisch, denn bekanntlich sehen viele Augen mehr als zwei. Der Fischschwarm hat dann oft die Gelegenheit, im Pflanzengewirr Zuflucht zu suchen oder sich durch die Flucht seinem Feind zu entziehen. Außerdem aber wird ein Raubfisch durch zu viele Beutefische auf engem Raum verwirrt. Vor dem Zustoßen muss ein Raubfisch seine Beute normalerweise genau fixieren, also anzielen, und das ist natürlich bei einem größeren Schwarm Beutefische nur schwer zu erreichen, da immer wieder andere Fische störend und ablenkend im Blickfeld auftauchen.

Es gibt für einige Fische auch einen ganz anderen Sinn, sich zu einem großen Schwarm zusammenzuschließen. In den Korallenmeeren kann man immer wieder riesige Schwärme von Doktorfischen beobachten. Normalerweise leben diese Tiere einzeln oder paarweise territorial in Korallengebieten, die sie nach ihrer Hauptnahrung - Algen - abgrasen. Wenn ihre Nahrungsquellen knapp werden, schließen sie sich zu den großen Schwärmen zusammen, die nur ein Ziel haben: Fressen! Gemeinsam zieht dieser Fressschwarm durch das Riff und grast es nach Algen ab. Die Riffbarsche, ebenfalls Algenfresser und sehr territorial, haben keine Chance, ihr Revier gegen diese Übermacht zu verteidigen. Nur in der Großgruppe gelingt es den Doktorfischen, an diese Ressourcen zu gelangen. Einzelne Doktorfische könnten nichts gegen revierverteidigende Riffbarsche ausrichten.

Purpurprachtbarsch - Pelvicachromis pulcher

Pelvicachromis pulcher-Mutter mit einem Jungfischschwarm!
Schwarm junger Korallenwelse im Meer vor Lombok (Indonesien)
Schwarm_Wei_kehl-Doktorfi...
Ein Fressschwarm Weißkehl-Doktorfische Acanthurus leucosternon vor Eriyadu, Malediven
Chromis-Schwarm - Malediven vor Eriyadu
 

Die Jungfische der zahlreichen Buntbarscharten sind bis auf wenige Ausnahmen zunächst typische Schwarmfische. Sie werden während dieser Zeit von ihren Eltern verteidigt und genießen auf diese Weise ihren Schutz. Ohne den engen Schwarmzusammenhalt ihrer Jungen hätten die Buntbarscheltern keine Chance, ihre Jungfische ausreichend vor Fressfeinden zu schützen. Mit dem Selbständigwerden der Kleinen löst sich dann auch der Schwarmzusammenhalt in aller Regel auf.

Schwarmfische sind oft recht auffallend gefärbt: kontrastreich schwarz-weiß wie die Zebras und viele andere Bärblinge, oder sie haben farbige, oft verlängerte Flossen wie viele Salmler. Auch bunte oder kontrastreiche Körperfarben sind bei Schwarmfischen sehr häufig. Wie oben schon angedeutet, erkennen sich Artgenossen an diesen optischen Kennzeichen.

Bei Dunkelheit ist diese Kommunikation natürlich gestört. Folgerichtig bringen Buntbarscheltern ihre Brut dann in einer Bodengrube unter, in der die Kleinen die Nacht verbringen. Im Aquarium erkennt man, dass sich der Zusammenhalt der Salmler und anderer typischer Schwarmfische bei völliger Dunkelheit auflöst. Im Freiwasser würde sich ein Schwarm weitstgehend zerstreuen. Untersuchungen von Keenleyside (1979) zeigen jedoch, dass viele Tiere selbst nachts noch in lockerer Kommunikation sind: über ihren Geruchsinn. Der Artgeruch hält die Schwarmfische zusammen. So wird verhindert, dass die Tiere sich über Nacht zu sehr zerstreuen. Dann können sie am nächsten Morgen ohne allzu große Mühe wieder zum Schwarm zusammen kommen.

Eine wichtige Frage wurde noch nicht geklärt. Wer bestimmt eigentlich die Wanderrichtung in einem Schwarm, das heißt, wer ist das Leittier? Wenn es sich um einen Schwarm Jungfische handelt, ist es klar: das Alttier ist der Anführer, selbst wenn es gelegentlich den Anschein hat, als würde es lediglich dem Trupp der Jungfischchen folgen. Auch hier sind es gewisse optische Merkmale, die die Jungen zum Nachfolgen veranlassen. Näheres dazu werde ich im Kapitel Brutpflege am Beispiel der Segelflosser zeigen.

Ein typischer Fischschwarm hat jedoch keinen Anführer. Beobachten wir Zebras oder andere Bärblinge in unserem Aquarium oder beobachten wir einen Fischschwarm im Meer, wie beispielsweise die jungen Korallenwelse rechts im Bild! Wenn unser dicht geschlossener Schwarm gerade an einer Stelle verweilt, sehen wir oft, wie ein einzelner Fisch sich vom Schwarm löst und in eine bestimmte Richtung schwimmt. Oft ist der Aufbruch eines einzelnen erfolglos, der Schwarm folgt ihm nicht. Wenn er das bemerkt, kehrt er sofort wieder zum Schwarm zurück. Die soziale Attraktion hat über seinen augenblicklichen Bewegungsdrang gesiegt. Oft reißt er aber auch die anderen Fische mit, besonders dann, wenn er schnell und gerichtet davonschwimmt. Dieser Initiator ist keineswegs der Stärkste oder Klügste des Schwarmes, sondern lediglich der zufällig erste.

Da es in einem typischen Fischschwarm keine Leittiere gibt, sind auch Kämpfe um die Vorherrschaft sinnlos. Nicht die Einsicht, lediglich das Prinzip sorgt dafür, dass jeder Fisch "Rücksicht auf anders Gestimmte nimmt". Zerstört man jedoch durch einen "kleinen Eingriff" das Großhirn eines Schwarmfisches - ein Eingriff, der seine Lebensfähigkeit nicht direkt herabsetzt - dann wird das Tier vollkommen asozial. Es kümmert sich in keiner Weise mehr um seine Artgenossen, sondern schwimmt stur und unbekümmert seine eigene Bahn. Die Reaktion des Schwarmes auf dieses Verhalten ist erschütternd: Der ganze Schwarm folgt dem so "zielstrebig und entschlossenen" Fisch auf allen seinen Wegen. Sein Defekt machte das großhirnlose Tier zum Anführer des Schwarms!


In der Natur werden oft stationäre Schwärme angetroffen. Solche Schwärme verharren - zumindest während der Beobachtungszeit - am Ort. Es gibt also keine einheitliche Schwimmrichtung, die Tiere schwärmen durcheinander!

Im Aquarium leben die Schwarmfische schon notgedrungen in einem stationären Schwarm. Erst wenn man ein Rundbecken anbieten kann, wie es manche Schauaquarien besitzen, kann man unproblematisch auch Schwarmfische halten, die unablässig unterwegs sind. Solche Wanderschwärme beobachtet man vor allem bei einigen Meeresfischen.

Die Filme (ohne Kommentar) zeigen die beiden Schwarmtypen: Das Video links zeigt einen stationären Schwarm im Freiwasser eines schnell fließenden, tropischen Fusses in Costa Rica (Amerikanischer Streifensalmler Astyanax fasciatus), der andere einen Wanderschwarm im Rundbecken des Aquarium Kiel (Heringe Clupea harengus).


Zum Schwarmverhalten im Aquarium siehe auch unter "Aquarienbedingtes Verhalten" >>>

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