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Attrappen - Mimikry

Signaltäuschungen und andere Tricks

Die Fische, die wir uns jetzt etwas genauer anschauen wollen, sind Blaumaul- Maulbrüter (Astatotilapia burtoni). Die interessanten Afrika-Cichliden trifft man hin und wieder im Zoohandel an. Sie sind aber nur für Gesellschaftsaquarien mit relativ robusten Bewohnern geeignet. Dort allerdings kann man sie auch beim Ablaichen beobachten.

Astatotilapia burtoni Männchen mit EiattrappenDie Männchen sind sofort an ihrem sehr viel farbigeren Outfit zu erkennen. Darüber hinaus erkennt man sie leicht an einem typischen Fleckenmuster in ihrer Afterflosse. Das gilt allgemein für Arten aus diesem Verwandtschaftskreis, und Beobachtungen wie die folgenden kann man auch bei den anderen Formen machen, die heute noch vielfach mit "Haplochromis" bezeichnet werden.


Das Männchen hat uns zunächst wenig Freude bereitet, denn es hat das Aquarium nach seinem Geschmack umgestaltet. Direkt am Fuß einer kräftigen Amazonas-Schwertpflanze hat es eine Grube in den Kiesgrund gegraben. Immer wieder findet es noch ein Steinchen, das aus der Nestgrube herausgeholt werden muss. Andere Fische werden aus dem Nestbereich verjagt - typisches Territorialverhalten also.


Dort wagt sich eins der kleineren, weit unscheinbarer gefärbten Weibchen in die Nähe des Revier-Herrn. Sofort jagt jener auf das Weibchen zu und baut sich direkt vor ihrem Kopf quer auf. Seine Afterflosse mit den gelborangefarbenen Flecken wird direkt vor ihren Augen Astatotilapia burtoni Männchen (links) balzt vor dem Weibchen in der Nestgrubeaufgespannt. Jeder der etwa fünf leuchtenden Flecken ist kreisrund und dunkel eingefasst! Diese Flecken haben was zu bedeuten, denn das Weibchen scheint beeindruckt. Es folgt dem mit schlingernden Schwimmbewegungen zur Nestgrube zurückschwimmenden Männchen!


In der Nestgrube umkreisen sich die beiden. Jetzt stoppt das Weibchen für einen Moment. Ganz genau hinsehen: in diesem Moment legt sie einen Schwung von Eiern. Der orangegelb gefärbte Laichklumpen liegt einen Moment am Boden der Nestgrube. Das Weibchen wendet sofort und schnappt ihn mit wenigen Maulbewegungen auf, als sollte der Laich gefressen werden. Wir wissen schon, es sind Maulbrüter, aber müssen die Eier denn nicht befruchtet werden?


Das geschieht erst wenige Sekunden später. Schon steht das Männchen wieder quer vor dem Weibchen, wieder zeigt es seine Afterflosse mit den gelborangenen Flecken vor. Und jetzt ist deutlich zu erkennen, wie das Weibchen versucht, auch diese eiähnlichen Gebilde aufzuschnappen. Klar, dass das nicht klappen kann, aber genau in diesem Moment hat das Männchen seine Spermien abgegeben. Die Genitalöffnung liegt direkt vor der Afterflosse! So gelangen die Spermien in das Maul des Weibchens; erst jetzt werden die Maulbrütereier befruchtet! Eine Verwechslung führte zur Befruchtung des Laichs. Die farbigen Flecken in der Afterflosse des Männchens sind Eiflecken, natürliche Attrappen gewissermaßen. Etwa eine Stunde später, nach mehreren entsprechenden Laichakten, ist der vorher rundliche Leib des Weibchens eingefallen. Dafür ist ihr Maulboden nach unten gewölbt - er ist randvoll mit befruchteten Eiern.


Nun ist das Männchen mit seinen Ei-Attrappen nicht mehr so interessant für die Maulbrüter-Mutter. Sie zieht sich an die Oberfläche in einen geschützten Winkel zurück, um hier in Ruhe abzuwarten. Erst wenn die Brut so weit entwickelt ist, dass sie das mütterliche Maul verlassen kann, kann die Mutter wieder Nahrung aufnehmen. Die erzwungene Fastenzeit dauert ungefähr zwei Wochen.


* * *


Signaltäuschungen sind in der Natur nicht selten. Sie dienen meistens dem Beutefang oder dem eigenen Schutz - man spricht dann von Mimikry. Erstaunlich aber ist es, wenn eine Art die eigenen Artgenossen hinter das Licht führt (Innerartliche Mimikry). Aber es geschieht ja im Sinne der Arterhaltung - für einen guten Zweck gewissermaßen!

Thorichthys meeki zeigt beim Frontaldrohen Augenattrappen
Thorichthys meeki, Drohen mit ausgestülpter Kiemenmembran
 Steinfisch.jpg
Steinfische (Synanceiidae), Meister der Tarnung und zugleich extrem giftige Fische!
Bratpfannenwels Dysichthys coracoideus
Bratpfannenwels Dysichthys

Eiattrappen wie die bei Astatotilapia beschriebenen, findet man unter den Buntbarschen vor allem unter den afrikanischen Maulbrütern, die früher pauschal als "Haplochromis" bezeichnet wurden.

 Großmaulwels Chaca chaca

Unter ihnen gibt es jedoch Arten, bei denen die Männchen nicht nur gewissermaßen "aufgemalte" Signale auf der Afterflosse tragen. Die Fadenmaulbrüter (Ophthalmochromis-Arten) haben fadenartig verlängerte Bauchflossen mit verdickten, leuchtend gelb gefärbten Enden, die beim Ablaichen als Eiattrappen benutzt werden. Andere Arten (z. B. Sarotherodon variabilis) schleppen zur Laichzeit sogar traubenartige Auswüchse der Genitalpapille mit sich herum (Wickler, 1962)!

Bei südamerikanischen Buntbarschen dagegen findet man Eiattrappen nur selten und dann auch schwächer ausgeprägt, wie bei Geophagus steindachneri. Vermutlich sind sie im Stadium des Entstehens. Sie befinden sich in den Mundwinkeln dieser Cichliden als orangefarbene Verdickungen und sind mit einer sehr auffallenden Lutschbalz gekoppelt (siehe folgende Seite).

Letztlich der Befruchtung dient auch das ausgefallene Verhalten der Zwergdrachenflosser, früher häufig in Aquarien gehaltene Salmler aus Südamerika. Bei dieser Form der innerartlichen Mimikry lockt das Männchen seine Partnerin mit einer Hüpferlingsattrappe. Die Männchen haben löffelartige Auswüchse an ihren Kiemendeckeln, die normalerweise kaum wahrzunehmen sind, da sie angelegt getragen werden. Während der Balz wird der zum Weibchen zeigende Kiemendeckelfortsatz abgespreizt und zitternd bewegt. Zugleich nimmt dessen Endverdickung jetzt eine tiefschwarze Färbung an. Während das Weibchen versucht, nach dieser Attrappe zu schnappen, nutzt das Männchen die Gelegenheit, es zu begatten.

Einige Fische (Paradiesfische, einige Schlangenkopf-Arten, viele Cichliden) haben dunkle, oft hell gerahmte Flecken auf den Kiemendeckeln. Bei manchen Arten befinden die Flecken sich sogar auf Auswüchsen der Kiemendeckel. Es handelt sich bei diesen Flecken in aller Regel um Augenattrappen, die vorwiegend im innerartlichen Kampf eingesetzt werden. Wenn sich die Kontrahenten gegenüberstehen, spreizen sie ihre Kiemendeckel weit ab. Dadurch nimmt ihr Kopfumriss und somit ihre scheinbare Größe beträchtlich zu. Der Effekt wird wesentlich durch die nun weit außen stehenden Augenattrappen verstärkt. Zweifellos verfehlt das auch gegen artfremde Angreifer nicht seine Wirkung, wenn es beispielsweise darum geht, einen Laichplatz oder die Brut zu verteidigen. Das Foto links zeigt diesen Effekt bei Thorichthys meeki, dem Feuermaulbuntbarsch, der in dieser Situation auch noch seine Kiemenmembranen herausstülpt!

Drachenkopf Scorpaenopsis oxycephalus

Drachenkopf (Scorpaenopsis)

Die außerartliche Mimikry ist eine Signaltäuschung, die gegenüber artfremden Lebewesen eingesetzt wird. Im weitesten Sinne wäre bereits eine gute Tarnung dazu zu zählen, wie man sie beispielsweise bei den im Meer lebenden Drachenköpfen (Scorpaenopsis) antrifft - rechtes Foto! Trotz ihrer lebhaften Musterung sind die ruhig zwischen Korallen liegenden Fische nur schwer zu entdecken. Die Gestaltauflösung durch fransenartige Fortsätze hilft bei der Tarnung entscheidend mit. Diese Tarnung wirkt in doppeltem Sinne: Einerseits dient sie zur Feindvermeidung, zum Anderen hilft sie, Beutetiere zu übertölpeln. - Der Steinfisch (Abb. links!) ist nicht nur extrem gut getarnt. Er verfügt zudem in seinen Rückenstacheln über ein außerordentlich wirksames Gift! - Als weiteres Beispiel wird hier noch die geradezu perfekte Tarnung der Fetznfische (Seedrachen) aufgeführt. Einen ausführlichen bebilderten Bericht (mit Film!) zu diesen Meistern der Tarnung findet men hier: >>>

Hervorragend getarnt sind auch die südamerikanischen Bratpfannenwelse (Dysichthys) und die Großmaulwelse (Chaca) aus Indien. Beide Arten sind nicht näher miteinander verwandt, haben aber ein ähnliches Verhalten. Sie sehen wie unförmige Schlammklumpen aus, wenn sie ruhig am Grunde eines Gewässers liegen - und das ist ihr normaler Lebensstil. Erst wenn ein Fisch oder ein anderes kleines oder auch mittelgroßes Tier in den Bereich ihrer Barteln kommt, werden sie urplötzlich lebendig. Mit einer plötzlichen Erweiterung ihrer Mundhöhle saugen sie das Beutetier in ihre riesigen Mäuler.

Der Großmaulwels soll neugierige Fische sehr raffiniert in die Nähe seines Maules locken: mit Bewegungen der Barteln soll er leckere Würmer vortäuschen! Ich beginne inzwischen allerdings an diesen Berichten etwas zu zweifeln. Viele Jahre hielt ich diese seltenen und zugleich seltsamen Welse - diese Art der Signaltäuschung konnte ich bei ihnen jedoch nicht beobachten!

Augenflecken gibt es nicht nur auf den Kiemendeckel-Rändern wie oben vorgestellt. Oft sind sie an anderen Körperstellen und erschweren auf diese Weise Fressfeinden die Orientierung. Besonders schön ist das beim Hechtkopf (Luciocephalus pulcher) zu beobachten, einem schlanken Raubfisch aus den Urwaldgewässern Malaysias. Diese weißlichgelb und braunschwarz gemusterten Fische sind von Natur aus wunderbar getarnt. Zudem haben sie in der Schwanzflossenbasis einen augenartigen Fleck, der besonders auffällig ist, wenn der Hechtkopf die Schwanzflossenstrahlen bei Beunruhigung zusammenfaltet und dann auch noch den ganzen Kopf des Tieres imitiert. Auf den ersten Blick kann dann auch der menschliche Beobachter Vorder- und Hinterteil des Fisches verwechseln - eine nahezu perfekte Täuschung, die vermutlich gegenüber Beutetieren nützt, sicher aber auch eventuelle Fressfeinde täuschen kann: Bei Gefahr kann der Hechtkopf blitzschnell in einer unerwarteten Richtung davonschießen.

Eine außergewöhnliche Form der Mimikry kann man bei Meeresfischen in besonderen Streßsituationen beobachten. Sie schließen sich dann zu fischartig geformten Schwärmen zusammen, die einzelnen Fische haben dabei fast Körperkontakt. Auf jeden Fall ist das nicht die Art von Schwärmen, die man sonst von diesen Arten kennt. Ob in diesen Situationen allerdings wirklich ein übergroßer, nicht freßtauglicher Fisch vorgegaukelt werden soll, ist umstritten. Der Film unten zeigt einen derartigen Lutjanus-Schwarm in Französisch Polynesien.

Daneben rechts ein weiterer Film zum Thema Mimikry. Die im Oyapock-Gebiet an der Grenze zwischen Französisch Guayana und Brasilien lebenden Oyapock-Hechtbuntbarsche Crenicichla ternetzi nutzen ganz offensichtlich ihre Ähnlichkeit zu harmlosen Salmlern, indem sie in ihrer Gemeinschaft mitschwimmen. So könnte es ihnen gelingen, leichter an unvorsichtige Beutetiere heranzukommen und sie zu erbeuten.

 


Zu diesem Thema die folgenden Spezialberichte:

Eiattrappen bei einem südamerikanischen Maulbrüter "Geophagus" steindachneri  >>>

Verhaltensbeobachtungen an Tigerbarsch und Zebrabuntbarsch   >>>

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