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Erlebnisse mit dem Kongo-Zwergbuntbarsch Nanochromis transvestitus

© Dr. Jörg Vierke

Nanochromis transvestitus ist ein Zwergcichlide. Nur ausnahmsweise erreichen die Männchen Gesamtlängen von 7 cm, meist bleiben die Fischchen kleiner. Sie wurden in Zentralafrika entdeckt, genauer in der "Demokratischen Republik Kongo" im Lake Mai Ndombe (= Lake Leopold II). Hier und im näheren Umkreis scheint diese Art endemisch zu leben. Die erst 1984 beschriebenen Fische (Steward & Roberts in Copeia) werden auf der Roten Liste der gefährteten Arten des IUCN als "stark gefährdet" eingestuft.

Die Tiere bevorzugen in ihrer Heimat flache, ruhige Uferzonen und ernähren sich in erster Linie von Insekten und anderen Kleinstlebewesen, die sie im Freiwasser oder im sandigen Bodengrund aufspüren. Gegen Ende der 80er Jahre kamen diese Zwergcichliden auch in unsere Aquarien nach Deutschland. Sie blieben hier aber selten, und das ist gut so, denn diese anspruchsvollen Fische sind in der Hand von Spezialisten am besten aufgehoben.

Zur Unterbringung wäre ein gut strukturiertes Aquarium mit mineralarmem und saurem Wasser mit einem pH-Wert von 4,5 bis 6,0 ideal. Die Fische können durchaus gegeneinander aggressiv sein, aber gesunde Weibchen verstehen es, die Angriffslust ihrer Männchen sehr erfolgreich in Grenzen zu halten: Sie präsentieren ihren zum Männchen hingestreckten leuchtend roten Bauch. Das beobachtet man nicht nur bei balzenden Tieren!

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Nanochromis transvestitus - das prächtig gefärbte Weibchen Nanochromis transvestitus - das etwas größere Männchen ist unscheinbarer gefärbt

Der folgende Text entspricht in allen wesentlichen Teilen dem Kommentar im unten auf der Seite eingebetteten Film:

Das sind sie - kleine Schmuckstücke aus dem westlichen Zentralafrika: Nanochromis transvestitus, im Deutschen als Kongo-Zwergbuntbarsch, Zebra-Zwergbuntbarsch oder auch als Transvestitenbuntbarsch bezeichnet. Transvestit deshalb, weil das Weibchen deutlich farbenprächtiger als das Männchen ist. Bei Fischen ist es häufiger umgekehrt. Allerdings sind diese Verhältnisse gerade bei den afrikanischen Zwergcichliden schon eher normal, man denke nur an die Pelvicachromis-Arten. Wie auch immer, es sind hochinteressante Fische. Im Hinblick auf die erforderlichen Wasserwerte sind sie leider etwas anspruchsvoll. Sie brauchen nicht nur weiches, sondern auch recht saures Wasser, zur Zucht am besten pH 5. So will ich hier auch gleich alle Erwartungen bremsen. Man wird in diesem Film keine erfolgreiche Nachzucht sehen, dafür aber Verhaltensbeobachtungen, die nach meiner Überzeugung noch spektakulärer sind!

Nanochromis_transvestitus...
Nanochromis transvestitus Paar balzend in einer Bruthöhle
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"Pseudo-Gähnen" bei der Balz, hier beim Männchen
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Das transvestitus-Weibchen hat sich jetzt das leere Gehäuse einer Weinbergschnecke als Laichhöhle ausgesucht
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Nanochromis transvestitus-Mutter beim Versorgen des Laichs.

Diese Cichliden erreichen gerade einmal eine Gesamtlänge von 6 cm, die Weibchen bleiben noch einen Zentimeter kleiner. Leicht sind die Weibchen am kräftig rot gefärbten Bauch zu erkennen und an ihren wesentlich markanter schwarz-weiß gezeichneten unpaaren Flossen.

Ich hielt dieses Paar in einem nur 35-Liter-Aquarium. Das reichte ohne Probleme aus, denn es war sinnvoll bepflanzt und durch Steine und Höhlen ausreichend gegliedert. Die beiden Zwergbuntbarsche vertrugen sich ausgezeichnet miteinander. Ebenso gab es (zunächst!!) keine Probleme mit einigen Goldringelgrundel (Brachygobius doriae) die ebenfalls im Aquarium lebten.

Durch Präsentieren des roten Bauches beschwichtigt das transvestitus-Weibchen seinen Partner

Schauen wir uns jetzt nach den allgemeinen Informationen einmal an, was wir hier bei den Fischen sehen. Gerade hat das Weibchen weit sein Maul aufgesperrt, jetzt das Männchen! Dieses "Pseudo-Gähnen" ist bereits ein Bestandteil der Balz. Da sehen wir es wieder! Und das Weibchen zeigt seinem Partner die pralle rote Bauchpartie. Das beschwichtigt das Männchen, oder anders gesagt, seine Aggressionen werden auf diese Weise gedämpft. Aber auch das Weibchen stupst sein Männchen gelegentlich an und fordert es auf, weiter mit zu agieren. Dieses alles findet in einer geräumigen Höhle statt, die von einer Kokosnuss-Schale gebildet wird.

Ja, es sind schon schöne Tiere, diese beiden! Übrigens stehen sie auf der Roten Liste der gefährdeten Tiere! Da hüpft ein dicker Wasserfloh durch das Blickfeld. Ich habe diese Fische nur mit Lebendfutter gefüttert, aber wie ich weiß, kann man sie auch an Trockenfutter oder Frostfutter gewöhnen.

Das, was hier nach einer Rangelei aussieht, ist wirklich nur Balz. Das Weibchen fordert sein Männchen auch immer wieder auf, mitzumachen. Zwischendurch gräbt das Weibchen auch am Rande der Höhle. Es hat dort zusammen mit dem Partner schon eine ganze Menge Sand ausgehoben. Das ist im Moment der bevorzugte Ablaichplatz. Allerdings hat es diesmal leider nicht geklappt, obwohl die Fische eigentlich in optimaler Kondition sind. Vielleicht war das Wasser doch einen Tick zu wenig sauer!

Bei anderen Gelegenheiten haben sie dann versucht, in einem Schneckenhaus abzulaichen. Vielleicht hat es sogar geklappt. Ich kann ja leider nicht in das Schneckenhaus hineinschauen, aber das Weibchen steht so wasserfächelnd vor dem Höhleneingang, dass man davon ausgehen muss, das sich im Höhleninneren Laich befindet. Aber leider sind auch hier keine Jungtiere erschienen.

An einer Vielzahl anderer Orte in diesem Aquarium habe ich sie balzend und möglicherweise brutpflegend wie hier am Schneckenhaus gesehen, so auch an dieser Kunsthöhle hier. Das Weibchen hat eine ganze Menge Sand aus der Höhle herausgeschafft, aber im Moment scheint sie nur nach Futter im Sand zu suchen. Diese Höhle wird auch vom Männchen gerne besucht, das ist es schon! Man sieht, das Paar harmoniert wirklich prächtig, und das über viele Monate hinweg. Es war kein Problem, die beiden in dem doch relativ kleinen Aquarium zusammen zu halten.

Und sie waren nicht ganz alleine. Wie man sieht, waren auch ein paar Goldringelgrundeln (Brachygobius doriae) im Aquarium. Das mag vielleicht problematisch erscheinen. Man hört oft, die Goldringelgrundeln bräuchten relativ hartes Wasser. In diesem Fall mussten sie mit weichem Wasser Vorlieb nehmen und wie wir nachher sehen werden, hat es ihnen nicht geschadet. Im Gegenteil!

Ständig versucht die transvestitus-Mutter den Laich durch Ablutschen sauber zu halten.

Und das ist die dritte Bruthöhle, die wir jetzt sehen. Hier steht das Weibchen wieder im Höhleneingang und es sieht so aus, als würde es fächeln. Diese Höhle hat nun einen großen Vorteil! Man kann nämlich von hinten in die Höhle hineinschauen. Und da sehen wir jetzt dieselbe Situation aus der Gegenperspektive. Das Weibchen steht im Höhleneingang und fächelt eifrig. Wenn wir jetzt nach oben zur Höhlendecke schauen, sehen wir, dass dort eine Vielzahl von kleinen Eiern aufgehängt sind. Die Mutter reinigt das Gelege, indem sie es regelmäßig intensiv ablutscht. Und jetzt wird wieder gefächelt!

Wie man sich lebhaft vorstellen kann, hatte ich in dieser Situation schon an einen ganzen Schwarm junger transvestitus gedacht, aber ich hatte versäumt, ein Mittel gegen Laichverpilzung in das Aquarienwasser zu geben. Das war ganz offensichtlich ein Fehler, denn zwei Tage später war das Gelege hoffnungslos verpilzt. Nur noch ganz wenige Eier waren unversehrt, aber das Weibchen war noch eifrig am Pflegen. Es half nichts, das Gelege war nicht mehr zu retten.

Hier sehen wir nun, was in der Zwischenzeit bei den Goldringelgrundeln * passiert ist. Sie haben auch abgelaicht. Fast zur gleichen Zeit muss das gewesen sein. Das Männchen steht hier unter seinem Gelege, das an einer Schieferplatte ist, die an der rückseitigen Aquarienscheibe lehnt.

Inzwischen ist die Brut der Goldringelgrundeln fast schlupfreif **. Wir können die bereits fertig entwickelten Augenpaare durch die transparenten Eihüllen hindurch erkennen. Und genau zu diesem Zeitpunkt hatten die transvestitus-Eltern ihre eigene Brut verloren.

Was wir jetzt beobachten, ist fast unglaublich. Die Cichliden versuchen, die fremde Brut zu übernehmen. Kidnapping! Der Grundel-Vater aber kämpft um seine Brut! Hier verschwindet sein kleiner Kopf fast im Maul des Buntbarsches! Und jetzt drängelt das kleine Männchen den ja doch vergleichsweise großen Zwergcichliden von der Brut weg.

Dieses Verhalten ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert. Einmal natürlich der tapfere kleine Brachygobius-Vater, dann aber auch die Cichliden! Auch ihr Verhalten halte ich für faszinierend und sicher ist es auch für Fachleute neu! Aus diesem Grunde will ich hier die nicht gerade optimale Bildqualität in Kauf nehmen. Auch ich wurde ja von diesem Verhalten überrascht und es traf mich unvorbereitet. Ich hatte kein Stativ zur Hand und auch die Kratzer in der Scheibe müssen hingenommen werden.

Hier noch mal der Brachygobius-Vater mit seiner fast schlupffertigen Brut. Man sollte daran denken, dass der Raum zwischen der Schieferplatte und der Aquarienscheibe nur etwa einen Zentimeter beträgt. Aber so viel ist sicher, wenn es dem Buntbarsch ums Beutemachen ginge, hätte er ohne Schwierigkeiten schon das ganze Gelege fressen können.

Langsam schiebt sich das transvestitus-Weibchen vor und schon versperrt ihm der Grundel-Vater den Weg zur Brut. Keiner will nachgeben, denn es geht ja tatsächlich um die Brut! Beim Brachygobius-Vater sowieso, aber die Cichliden-Mutter hätte sie ja auch gern. Jetzt wird sie endgültig abgedrängt - denkt man! Ich schneide den Film hier bewußt nicht! Da ist das transvestitus-Weibchen. Es schwimmt um die Höhle herum und taucht auf der anderen Seite blitzschnell wieder auf! Das Goldringelgrundel-Männchen ist sofort bereit, sie wieder abzudrängen. Im Moment sieht es so aus, als hätte das Buntbarschweibchen gewonnen. Es könnte jetzt über die Brut herfallen, aber sie will sie ja nur pflegen! Der Kampf scheint zu eskalieren, aber der kleine Grundel-Vater gibt nicht auf. Und tatsächlich drängt er die Cichliden-Mutter wieder ab!

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Der Grundel-Vater (rechts) verteidigt seine Brut (oben rechts) gegen das transvestitus-Weibchen.
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Im Wesentlich beschränkt sich seine Verteidigung darin, den Zugang zum Gelege zu versperren.

Wieder schwimmt sie um die Höhle herum - jetzt erleben wir eine erstaunliche Szene! - ich schneide im Film wieder nicht, damit hier nichts verfälscht wird! Da ist die Mutter wieder - was zunächst nicht wundert! - aber sie hat Verstärkung mitgebracht! Da, der Vater! Auch er greift jetzt ins Geschehen ein. Wie hat sie ihn so schnell geholt? Wie hat sie ihm klar gemacht, um was es geht? Sieht es nicht so aus, als schauten die beiden Cichliden sehnsüchtig nach den fremden Kindern? - Ich will es vorwegnehmen: Es gelang dem wirklichen Vater nach hartem Einsatz tatsächlich, die beiden Buntbarsche endgültig zu vertreiben.

Zum Schluß noch eine Anmerkung. Dass Cichliden fremde Buntbarsch-Brut oder sogar lebende Wasserflöhe an Kindesstatt pflegen, ist bekannt. Aber so ein Übernahmeversuch eines fremden Geleges ist meines Wissens hier erstmalig beobachtet und dokumentiert!

*  Ausführlicheres zu den Goldringelgrundeln ist bei "Fischreisen" nachzulesen  >>>

**  An dieser Stelle sei nachdrücklich auf die Ähnlichkeiten des Geleges der Nanochromis mit dem der Brachygobius hingewiesen, obwohl diese beiden Fischgruppen nur recht entfernt miteinander verwandt sind: In beiden Fällen handelt es sich um stark ovale Eier etwa gleicher Größe, die an einem kleinen Faden hängend an einem Substrat befestigt sind und die sich bei Berührung pendelnd bewegen. Vermutlich ist diese Ähnlichkeit mit ein Grund für die Buntbarsche, sich auf diese Weise für das fremde Gelege zu interessieren.

Literatur:

Daget, J. (1991): Nanochromis transvestitus - fishbase 12.2012  >>>

Lamboj, Anton (2008): Alte und neue Zwergcichliden aus Zentralafrika, DCG-Informationen, Sonderheft 5, S. 35 - 43

"Transvestitenbuntbarsch" in Wikipedia 12.2012 >>>

Vierke, J. (2012): "Neue Erkenntnisse und Fragen zur Goldringelgrundel Brachygobius doriae." in Fischreisen. World Wide Web electronic publication. >>>, version (12/2012)

 

© 2012, Dr. Jörg Vierke

Hinweis: Einen reich bebilderten Bericht und einen entsprechenden Fotofilm zum nahen Verwandten Nanochromis parilus, dem Blauen Kongocichliden, findet man bei "Fischreisen":  >>>


Hier der Film: