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Das Foto unten zeigt den Schützenfisch Toxotes chatareus. Vom ebenfalls wasserspritzenden Toxotes jaculatrix unterscheidet er sich durch kompaktere Körperform und die kleineren Rückenflecken, die zwischen den Hauptstreifen liegen.

Schützenfisch Toxotes chatareus

Spuckende Fadenfische (Colisa-Arten)

Nicht nur der Schützenfisch schießt mit dem Wasserstrahl

©  Dr. Jörg Vierke

 

Colisa lalia, Zwergfadenfisch wasserspuckend

Wasserspuckendes Colisa lalia-Männchen

Dass der Schützenfisch (Toxotes jaculatrix) vom Wasserspiegel aus nach Insekten spuckt, ist für Aquarianer eine Binsenwahrheit. Aber auch einer unserer häufigsten und beliebtesten Aquarienfische, der Zwergfadenfisch (Colisa lalia)*, versteht sich auf diese Fertigkeit (Foto rechts). Im Experiment spucken Zwergfadenfische unter anderem auf Tubifex, Mückenlarven und Trockenfutter. Allerdings ist das Spuckverhalten nicht bei jedem Lalia-Exemplar auszulösen. Handzahm sollten die Tiere schon sein!

Colisa_lalia_spuckend.gif
Colisa lalia Männchen, beutespuckend nach Tubifex-Würmchen, die dem Fisch an einer Pinzette vorgehalten werden (etwa in Echtzeit).

Beim Vergleich des Spuckverhaltens von Toxotes jaculatrix (entsprechendes gilt für T. chatareus) und Colisa lalia fallen viele Gemeinsamkeiten, aber auch einige Unterschiede auf. Zunächst einmal ist die Kraft, mit der der Schützenfisch seine Wassertropfen abschießt, wesentlich größer als die des Zwergfadenfisches. Ein fünf Zentimeter großer Schützenfisch kann seine Tropfen gut 40 Zentimeter hoch schleudern; ein gleich großer Zwergfadenfisch erreicht nur eine Spuckhöhe von fünf Zentimetern. Auch in der Treffsicherheit ist der Lalius dem Schützenfisch nicht gewachsen. Dennoch hat er ihm etwas voraus: Wenn der Schützenfisch sein Ziel verfehlt hat oder die Beute aus einem anderen Grunde nicht ins Wasser geschleudert wurde, wiederholt er seinen Schuss oft nach ein bis zwei Sekunden. Der Zwergfadenfisch feuert dagegen von vornherein eine ganze Salve nach seinem Beuteobjekt ab. Eine solche Salve besteht aus bis zu zehn Einzelspuckern, die jeweils in einem zeitlichen Abstand von 1/4 bis 1/6 Sekunde aufeinanderfolgen. Außer­dem verstellt der Fisch während der Salve seine Körperachse - und damit die Schussrichtung. Dadurch erhöht er seine Trefferchancen ganz erheblich (Maschinengewehr-Prinzip!). Verfehlt eine Salve das Ziel, kann der Fisch nach drei Sekunden eine zweite und eventuell weitere folgen lassen.

­ ­­Mit dem bloßen Auge konnte ich diese Beobachtungen nicht machen. Ich habe die Fische daher mit Super 8-Schmalfilm aufgenommen. Die Einzelbildauswertung meiner Filme klärte einige Fragen. Colisa lalia nach Beute spuckendFür noch genauere Untersuchungen waren 16-Millimeter-Filmaufnahmen nötig, die im "Institut für den wissenschaft­lichen Film", Göttingen, hergestellt wurden. Aus diesem Film stammen die hier abgebildeten Fotos vom Spucken des Zwergfadenfisches. Die Bildfolge links zeigt, wie der Fisch nach Trockenfutter spuckt, das an einem Stäbchen klebt. Der zeitliche Abstand von Bild zu Bild beträgt etwa 1/20stel Sekunde.

Die Bilder geben Hinweise auf die Mechanik des Spuckens: Das Wasser wird bei a durch Abspreizen der Kiemendeckel durch die Kiemenöffnung von hinten bzw. unten angesogen. Gleich darauf (bei b) wird es durch kräftiges Zusammenpressen der Kiemendeckel durch das Maul herausgepresst. Bei c fällt der Tropfen wieder ins Wasser zurück, und bei d wird durch die abgespreizten Kiemendeckel bereits Wasser für den nächsten Einzelspucker angesogen.

Beim Spucken atmet der Zwergfisch also gewissermaßen "verkehrt"; der Was­serstrom geht nicht wie beim normalen Atmen von der Maul- zur Kiemenöffnung, sondern in umgekehrter Richtung. Dieses ist durch eine Stelle in einem Schmal­film belegt. Dort ist deutlich zu erkennen, wie der Fisch während einer aus neun Einzelspuckern bestehenden Salve sein Maul ununterbrochen bis zum vorderen Augenrand aus dem Wasser herausstreckt. Das beweist, dass das Spuckwasser nur durch die Kiemenöffnungen aufgenommen wird. Im Normalfall wird das Maul allerdings nicht oder nur wenig über die Wasseroberfläche er­hoben.

Ich hatte zunächst angenommen, dass für das Spuckvermögen ein besonderer Rachenaufbau nötig ist. Beim Schützenfisch Toxotes ist bekannt, dass er im oberen Gaumenteil eine Rinne hat, durch die der Wasserstrahl geleitet wird. Bei Colisa findet man überhaupt keine körperlichen Spezialanpassungen. Im Prinzip könnten alle Fische derart mit Wasser spucken. Man kann sich, um das zu verdeutlichen, ein Modell bauen: In einen alten Gummiball (empfehlenswert knapp faustgroß oder etwas kleiner) schneidet man 3 Öffnungen. Eine stellt die Mundöffnung dar, die beiden anderen stehen für die Kiemenöffnungen. Wenn man den Ball jetzt ins Wasser so hält, dass gerade die Maulöffnung an den Wasserspiegel reicht und dann einige Pumpenbewegung macht, kann man fadenfischtypisches Wasserspucken nachmachen. Nebenbei bemerkt: ich kann solche Spucksalven auch demonstrieren, indem ich beide Hände zu einer Doppelfaust zusammenlege und dann durch wiederholtes Zusammendrücken der Handflächen das Wasser aus einer Öffnung im Daumenbereich herausdrücke!

 

Der Film, der dieses Verhalten erstmals dokumentierte, ist unten zu sehen. Er wurde original 1969 auf Super-8 Schmalfilm hergestellt, das erklärt die schlechte Bildqualität. Als Verhaltensdokument ist der Film aber auf jeden Fall sehenswert - denke ich.


Auch beim Dicklippigen Fadenfisch Colisa labiosa kann man gelegentlich Beutespucken beobachten. Ihr Spuckverhalten gleicht in jeder Hinsicht dem der Zwerg­fadenfische, wenngleich sie weniger heftig und etwas langsamer ihre Tropfen absetzen. - Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass labiosa x lalia-Mischlinge höher und heftiger spucken als jede der beiden Elternarten (Heterosis bzw. Luxerieren der Bastarde).

 

Colisa lalia wasserspuckend

Colisa lalia, wasserspuckend
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Colisa chuna - Männchen beim Wasserspucken.  Zeitlupe, nur etwa halbe Originalgeschwindigkeit!

Gelegentlich spucken Colisa labiosa-Männchen auch kurz nach dem Ablaichen, wenn sie gerade ihren Laich einzusammeln versuchen. Dieses sogenannte Brutpflegespucken beobachtet man manchmal auch beim kleineren Honigfadenfisch Colisa chuna. Der Honiggurami baut wie die meisten Labyrinthfische ein Schaumnest an der Wasseroberfläche. Unter diesem Nest, das normalerweise ohne Verwendung von Pflanzenteilen gebaut wird, laichen die Fische ab. Dabei schweben die Eier oft zum Nest hoch, da ihr spezifisches Gewicht etwas geringer als das des Wassers ist. Das Honigfadenfisch-Männchen sammelt nun die unter dem Schaum schwebenden Eier ein und trägt sie zu einem Laichhaufen zusammen. Manche Männchen erleichtern sich das Einsammeln der unauffälligen, glasklar durchsichtigen Eier auf folgende Weise: Sie spucken eine Salve von Wassertropfen in die Luft. Das in das Schaumnest zurückfallende Spuckwasser reißt die unter dem Schaum schwimmenden Eier ein bis drei Zentimeter in die Tiefe. Sofort nach dem Spucken jagt das Tier zu den nach unten treibenden Eiern, die durch ihre Bewegung jetzt wesentlich leichter aufzufinden sind als vorher. Die Eier werden aufgesammelt und dann zum Laichhaufen zusammengetragen. Der Sinn dieses Eiereinsammelns liegt ohne Zweifel darin, dass die Bewachung der jetzt zusammengehäufelten Eier wesentlich einfacher ist als vorher. Während die Laichhaufen Durchmesser von zwei bis drei Zentimeter haben, können die Durchmesser der Schaumnester über zwanzig Zentimeter betragen.

Die Spuckmechanik von Colisa chuna gleicht der des Zwergfadenfisches. Auch der Honigfadenfisch spuckt Salven, wobei die Aufeinanderfolge der Einzel­spucker jedoch zwei bis dreimal so schnell wie beim Zwergfadenfisch ist. Wegen der hohen Frequenz der Einzelspucker wird das Auge getäuscht: Man glaubt, einen zusammenhängenden Spuckstrahl zu sehen. Diese Spuckhandlungen kön­nen also nur mit Hilfe eines Filmes analysiert werden.

 

Trichogaster trichopterus wasserspuckend

Trichogaster trichopterus, Goldene Zuchtform beim Wasserspucken.

Bei manchen Labyrinthfischen kann man zuweilen auch ein scheinbar völlig unmotiviertes Spucken beobachten. Dieses Verhalten tritt besonders bei starker Erregung oder in einer Konfliktsituation auf und gehört offenbar in den Bereich der "Übersprunghandlungen". - Das Foto links zeigt einen Goldenen Fadenfisch, eine Zuchtform von Trichogaster trichopterus, beim Wasserspucken in dieser Situation! - Im Film wird dieses Verhalten hier beim Blauen Zwergfadenfische gezeigt (>>>  auf der Seite ganz unten!)

Der Vollständigkeit wegen will ich hier noch eine weitere Art des Spuckens anführen. Dieses Verhalten wurde verschiedentlich vom Igelfisch (Diodon holacanthus) berichtet. Normalerweise blasen Igelfische bei der Futtersuche in den Sand und legte auf diese Weise im Sand verborgene Beutetiere frei. Vor dem Futterschnappen blasen sie also einen Wasserstrahl, unter Wasser wohl gemerkt! Unter den anderen Pflegebedingungen im Aquarium lernen die Fische, das Futter direkt von der Wasseroberfläche entgegen zu nehmen. Oft behalten sie dann das Wasserblasen bei und es kommt dazu, dass kurz vor dem Nahrungschnappen ein Wasserstrahl in den Luftraum hinausgeht. Futteraufnahme und das vorherige Wasserpusten gehören für diese Tiere zusammen. Ähnliches beobachtet man oft auch beim Schützenfisch. Wenn er seine Beute bereits auf dem Wasserspiegel zappelnd antrifft, sieht man manchmal, wie das Beutetier zunächst ein bis mehrere Zentimeter in die Luft geschossen und erst dann zum Fressen gepackt wird. Auch in diesem Fall scheint das Spucken dem Zubeißen nur deshalb voranzugehen, weil es für den Fisch dazu gehört. Unter Umständen kann die Beute dabei verloren gehen. Ich habe verschiedentlich beobachtet, dass sie auf diese Weise einem anderen hungrigen Fisch direkt vor das fressbereite Maul geschossen wurde.

Für besonders Interessierte: Das Institut für den wissenschaftlichen Film in Göttingen hat im Rahmen seiner „Encyclopedia cinematographica“ einen Film von dem zuerst von mir beobachten lalia-Männchen gedreht: Colisa lalia (Anabantidae) Beutespucken (E 1674/1972). Man kann den Film ausleihen.

Eine ausführliche wissenschaftliche Darstellung: Jörg Vierke (1973): Das Wasserspucken der Arten der Gattung Colisa, Bonn. Zool. Beitr. 24: 62 - 104

* Anmerkung: Der Gattungsname Colisa ist derzeit umstritten. Ich behalte ihn hier bis auf Weiteres bei.

©  Dr. Jörg Vierke



 

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