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Beobachtungen

an brutpflegenden Segelflossern, Pterophyllum scalare

©  Dr. Jörg Vierke


Vor Jahrzehnten nannte man den Segelflosser den "König der Aquarienfische". Heut­zutage muss man es sich als Skalarliebhaber ge­fallen lassen, dass Cichlidenfreunde spotten, man hielte den "Guppy unter den Buntbarschen". Dieser Vergleich hat schon eine gewisse Berech­tigung, wenn man daran denkt, wie häufig der Segelflosser in Aquarien anzutreffen ist. In Großzüchtereien werden die Tiere zu zehntausenden aufgezogen. Direkt nach dem Ablaichen werden die Eier "sichergestellt" und die Jungen ohne die Eltern großgezogen. Ohne diese künstliche Aufzucht könnten die Skalare nicht so billig an­geboten werden. Sie hat aber auch einen Nach­teil: Hier können sich auch solche Tiere fort­pflanzen, deren Instinkte, speziell die Brut­pflegeinstinkte, ganz oder teilweise verkümmert sind und die ihren Nachkommen diese Instinkt­lücken vererben. Der Skalar, besonders in sei­nen Zuchtformen, ist domestiziert und läßt oft Reaktionen vermissen, die man von den Wild­tieren erwarten müsste. Das ist wohl auch der Grund, weshalb die Verhaltensforscher sich mit diesem Fisch nur zögernd beschäftigen.

Ab und zu aber bekommt man doch noch gut pflegende Segelflosser. Ich hatte dieses Glück und hielt die Tiere mit zwei etwas jüngeren Rauch­skalaren, einigen Neons und Goldringelgrun­deln in einem 80-cm-Aquarium bei 26°C.. Mein Tagebuch sagt aus, dass am 18.3. beim Weib­chen zum erstenmal die Genitalpapille sichtbar wurde, wenig später auch beim Männchen. Einen Tag darauf war es soweit: Ein Echinodo­rus-Blatt wurde als Laichplatz erwählt und von beiden Partnern eifrig geputzt. Bald begann das Weibchen von unten her über das Blatt hinweg­zustreichen, wobei es die Legeröhre andrückte. Wenig später machte auch das Männchen mit, und kurz darauf setzte das Weibchen Eier ab. Bei jedem Anschwimmen wurden 5-20 Eier an das Blatt geklebt. Einige fielen herunter und wurden dann sofort von den Eltern aufgefres­sen. Aber auch die Neons beteiligten sich an diesem Schmaus. Die Versuche der Skalare, die kleinen Laichräuber zu vertreiben, hatten nur den Erfolg, dass bei ihren ungestümen Abwehr­versuchen noch mehr Eier vom Blatt fielen. Ich entschloss mich daher, die Jungen künstlich auf­zuziehen.

Ich füllte ein 20-I-Becken mit dem Aquarienwas­ser und brachte das Blatt mit dem Laich in die Nähe des Ausströmers der Durchlüftung. Da ich kein Desinfektionsmittel benutzte, verpilzten mehr als die Hälfte der Eier. Bei 26° C schlüpf­ten die Jungen am 4. Tag, doch blieben sie noch weitere 4 Tage mittels ihrer am Kopf befind­lichen Klebfäden am Blatt hängen. Erst am 6. Tag nach dem Schlüpfen begannen sie, im Schwarm freizuschwimmen und sofort Artemien zu fressen.

Diese allgemein übliche Methode der künstlichen Aufzucht sollte man, wenn man sich schon dazu entschließt, besser bei höheren Tem­peraturen anwenden, denn bei 28° C schlüpfen die Kleinen bereits nach 3 Tagen. Meinen Entschluss, die Eltern die Brutpflege selbst durch­führen zu lassen, gab ich nicht auf. Nachdem ich die anderen Fische aus dem Aquarium heraus­gefangen hatte, stellte ich den Thermostat auf 28° C ein. 10 Tage nach dem ersten Ablaichen erschien beim Weibchen wieder die Legeröhre. 3 Tage später laichten die Tiere in den frühen Nachmittagsstunden an einem Echinodorus­ Blatt ab. Nach dem Ablaichen begannen die Eltern sofort, den Eiern mit ihren Brustflossen Wasser zuzufächeln.

Am nächsten Tag wurde es dramatisch. Hier ein Auszug aus meinem Tagebuch:
1. 4.: "Beide Eltern fächeln an Laich. Können sich bei Brutpflege nicht einigen. Das Weibchen will sich bei Fächeln nicht ablösen lassen. Erbit­terte Kämpfe (Maulzerren) , Steine fliegen! Be­sonders Weibchen stark zerbissen. Zur Ablen­kung kleines Becken mit Rauchskalaren neben Zuchtaquarium gestellt. Feindvorspiegelung scheint zu helfen. Rauchskalare werden ange­griffen, während anderer Partner Laichpflege be­treibt. Besonders das Männchen sucht verpilzte Laichkörner ab. Männchen in Erregung mit voll gespreizten Flossen und geöffneten Kiemendeckeln lautes ,duck duck duck duck!' zum Weib­chen."
Am Morgen des folgenden Tages, 66 Stunden nach dem Ablaichen, hingen die frischgeschlüpf­ten, eifrig mit den Schwänzen zappelnden Jungen in einer dichten Traube an einem ande­ren Echinodorus-Blatt.

Ich fürchtete - wie sich später herausstellte, unberechtigt -, dass die Eltern sich über ihre Brut hermachen könnten, und siedelte von den fast 200 Jungen die Hälfte in ein anderes Aquarium um, um sie künstlich aufzuziehen. Als ich jedoch sah, wie gut die Jun­gen im Aquarium gepflegt wurden, gab ich die Larven am folgenden Tag den Eltern wieder zu­rück. Im Teelöffel reichte ich sie jeweils zu 10 bis 20 in das Aquarium in die Nähe der Alttiere. Diese fingen sie sofort auf und spuckten sie an das Blatt zu ihren anderen Jungen.

Am 5. Tag waren die Augen der Kleinen schon fertig aus­gebildet, und einen Tag später machten einige bereits ihre ersten Schwimmversuche. Sie wur­den aber sofort von den Eltern eingefangen und wieder an das Blatt gespuckt. An diesem Tag wurden die Jungen wieder an ein neues Echino­dorus-Blatt geklebt. Ein zweiter Umzugsversuch scheiterte jedoch an der "konservativen" Einstel­lung des Vaters. Während das Weibchen eifrig damit beschäftigt war, die Jungen an das Blatt einer benachbarten Pflanze zu kleben, bemühte sich der Vater hartnäckig darum, die Jungen wieder zum alten Blatt zurückzutragen. Nach etwa einer Viertelstunde gab das Weibchen auf, der Vater hatte sich durchgesetzt.

Am Morgen des 7. Tages waren die Jungen nicht mehr am Blatt zu halten. Stundenlang versuch­ten die Alttiere vergeblich, ihre Brut dort zu­sammenzuhalten. Anfangs hielten die Kleinen sich direkt am Boden auf, dann aber Übernah­men die Eltern die Führung, und bald befand sich der ganze Schwarm in der oberen Region des Aquariums. Die Eltern waren sehr besorgt um ihre Brut; die Rauchskalare im Nachbarbecken wurden eifrig bekämpft, Schnecken, die sich in der oberen Hälfte des Aquariums befanden, wur­den weggebissen, und selbst mein Finger, den ich ins Wasser tauchte, wurde heftig angegriffen. Nun war es Zeit, mit der Fütterung der Jungen zu beginnen. Frisch geschlüpfte Artemien wur­den sofort genommen. Die Eltern fraßen Tubi­fex und Büschelmückenlarven.

Abends, als die Aquarienleuchte ausgeschaltet war, und nur noch die Zimmerbeleuchtung brannte, rückte der Jungfischschwarm zu einem Haufen auf. Dann spuckten die Eltern die Jun­gen an ein Blatt und blieben in der Nacht in ihrer Nähe.

Der Schwarm wurde meist nur von einem Alt­fisch geführt. Offensichtlich folgten die Jungen der Rückenflosse des jeweils führenden Tieres, die dann in ihrem hinteren Teil tiefschwarz und so weit aufgespannt war, wie man es sonst nur beim Imponierverhalten der Tiere sieht. Wenn der Schwarm nicht recht folgen wollte, zuckte das führende Tier kurz mit der Rückenflosse. Während das eine Tier führte, beschäftigte sich der andere Partner mit der Sicherung des Terri­toriums. Interessant war die Ablösung der Füh­rer. Der ablösende Partner spannte seine Rückenflosse weit auf, während der bisherige Füh­rer seine Rückenflosse zusammenklemmte und schnell davonschwamm.

Nicht beim Schwarm bleibende oder zu Boden fallende Junge wurden von den Eltern aufgenommen und gegen ein Blatt gespuckt, das möglichst im Zentrum des Schwarmes war. Die Jungen blieben jedoch nicht mehr an dem Blatt kleben, sondern schwammen sofort mit dem Schwarm weiter. Langsam be­gann aber die Zahl der Jungen zu schrumpfen. Am 10. Tag waren es nur noch etwa 70 Jung­tiere. Als ich dann bei den Alttieren Laichpapil­len entdeckte, fing ich etwa 50 Jungtiere heraus, die restlichen 20 ließ ich bei den Eltern.

 

Zu diesem Video: es dokumentiert direkt die geschilderten Beobachtungen. Da er damals als Super-8 Schmalfilm gedreht und jetzt umkopiert wurde, läßt der Film in technischer Hinsicht manche Wünsche offen. Dennoch: er gibt eine gute Vorstellung von den hier im Beitrag geschilderten Vorkommnissen!

 Am 12. 4. laichten die Skalare an einer Riesen­vallisnerie ab. Die Jungen wurden nicht verjagt; sie blieben die ganze Zeit bei den Eltern. Es war interessant zu sehen, wie die Skalare nach dem Ablaichen mit ihren beiden Bruten fertig wur­den. Der eine Partner hielt sich meist bei den Jungfischen auf, der andere befächelte entweder die Eier oder bekämpfte die Rauchskalare, die "Feinde vom Dienst". Anscheinend hatten aber beide Eltern mehr Interesse an den Jungen als an den Eiern. Wenn einzelne Jungfische sich zu weit vom Schwarm entfernten, wurden sie wie­der eingefangen und in den Schwarm gespuckt. Die Größeren ließen sich aber nur noch ungern ins Maul nehmen und versuchten, ihren Eltern zu entwischen. Sie wurden dann nicht weiter verfolgt. Die Jungen fraßen jetzt schon eifrig gehackte Tubifex und größere Zyklops. Am Mor­gen des 14. 4. waren die Eier verschwunden. Ob die Jungen sie gefressen haben?
Einen Tag darauf vergrößerte ich den Skalar­schwarm wieder, indem ich die vor 5 Tagen her­ausgefangenen Jungfische wieder zu den Eltern brachte. Hierzu eine interessante Beobachtung aus meinem Fischtagebuch:

"Neuankömmlinge hatten anfangs Furcht vor Eltern, schlossen sich aber dem Jungfisch­schwarm an. Fluchtverhalten dieser Jungen reizt Eltern zum Beutemachen. Flüchtende Jungfische wurden durchs ganze Aquarium ge­jagt. Einer wurde vom Männchen geschnappt, war aber kaum im Maul, da wurde er wie Gift wieder ausgespuckt!"

Woran hatte es der Vater gerade noch recht­zeitig gemerkt, dass er einen seiner Sprösslinge und keine Beute im Maul hatte? Ich vermute, an irgendwelchen Geschmacksreizen. Nach einem Tag hatten sich die Neuankömmlinge wieder an ihre Eltern gewöhnt.

(C) Dr. Jörg Vierke

 

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