Der Dicklippige Fadenfisch Colisa labiosa
|  |
| Dicklippiger Fadenfisch Colisa labiosa - Männchen im Prachtkleid
|
© Dr. Jörg Vierke
In den Tiefländern Süd- und Südostasiens gehören Fadenfische zu
den am weitesten verbreiteten Fischen. Man unterscheidet zwischen „Westlichen
Fadenfischen“, den Colisa-Arten, und den „Östlichen Fadenfischen“, den
größer werdenden Verwandten der Gattung Trichogaster. * Die natürliche
Verbreitungs-Grenze zwischen diesen beiden gut voneinander zu trennenden
Gattungen ist in etwa mit der Staatsgrenze von Birma (oder Myanmar) und Thailand
gleichzusetzen. Hohe Gebirgszüge markieren diese natürliche tiergeographische
Grenze.
In Birma vertritt der Dicklippige Fadenfisch, Colisa labiosa
die „Westlichen Fadenfische“. Die Bilder rechts unten zeigen eins ihrer natürlichen Vorkommen
in einem nördlichen Zufluß des Inle-Sees sowie ein paar frisch dort gekescherte
labiosa. - Daneben leben in Burma auch noch die offenbar erst
seit wenigen Jahren vom Menschen eingeführten Mondscheinfadenfische und
Schaufelfadenfische, Trichogaster pectoralis. Sie sind hier als
Speisefische begehrt und wurden deshalb vielerorts ausgesetzt.
Die beiden Gattungen Colisa und Trichogaster sind
nicht nur durch ihre geographische Verbreitung unterschieden. Die durchweg
größer werdenden Trichogaster haben im Unterschied zu Colisa eine
nur sehr kurz ansetzende Rückenflosse. Bei Colisa ist der Ansatz der
Dorsale mit dem der Anale vergleichbar lang. Auch die Bauchflossenfäden der
beiden Gattungen differieren auf typische Weise: die Colisa-Arten haben
wirklich pro Bauchflosse nur einen einzigen Flossenstrahl, die Trichogaster
dagegen haben hinter dem großen Faden noch ein paar sehr kleine, aber dennoch
gut zu erkennende weitere Strahlen.

|
| Colisa labiosa-Gelbling: Pfirsich-Gurami
|
|
|  |
| Heimat der Colisa labiosa in Myanmar am Inle-See
|
|  |
| Dort frisch gefangene Colisa labiosa
|
Gelegentlich werden im Handel goldfarbene Fadenfische angeboten,
in vielen Fällen unter falschen Namen. Es handelt sich in jedem Fall um
Zuchtformen. Man hat mit xanthoristischen Mutanten weitergezüchtet, also mit
Tieren, denen nur noch oder zumindest überwiegend gelbe Farbtöne geblieben sind.
Diese Gelblinge kommen häufig bei labiosa vor (oft als "Pfirsichgurami" bezeichnet), bei Trichogaster
trichopterus und beim Honigfadenfisch Colisa chuna. Gelegentlich
werden auch die goldfarbenen labiosa fälschlich als „Honigguramis“
angeboten, gelegentlich sogar unter der Bezeichnung „Trichogaster chuna“. Die
Einordnung von Colisa chuna in die Gattung Trichogaster beruht
eindeutig auf einem Irrtum, man sollte diesen Fehler ignorieren! Zurück zu
Colisa labiosa!
Colisa labiosa
ist vom ähnlichen fasciata ziemlich leicht zu unterscheiden, jedenfalls
erwachsene Männchen. Die fasciata-Männchen haben spitz ausgezogene
Rücken- und Afterflossenzipfel. Sie sehen im Bau ihrer Flossen daher fast
symmetrisch aus. Bei Colisa labiosa -Männchen ist die
Afterflosse dagegen immer abgerundet, die Rückenflosse zugespitzt. Dabei ist
der Zipfel der Rückenflosse oft so stark verlängert, dass er weit in den
Schwanzflossenbereich hineinreicht, gelegentlich sogar über das Ende der
Schwanzflosse hinausragt.
Ein Merkmal, das man bei Männchen im Ruhekleid und bei Weibchen
häufig beobachten kann, ist nur bei Colisa labiosa zu finden: ein dunkler
Körperlängsstreifen, der vielfach auch in eine Punktreihe aufgelöst sein kann.
Ich habe diese Zeichnung jedenfalls nie bei erwachsenen Colisa fasciata
beobachten können. Auch in ihren Körpermaßen unterscheiden sich die beiden
Arten. Colisa fasciata ist kleinköpfiger und viel langgestreckter als
Colisa labiosa . Das gilt für beide Geschlechter. Ihre größte Körperhöhe
übertrifft oft kaum die Kopfhöhe. Dicklippige Fadenfische sind dagegen höher
gebaut.
 |
| | Das Männchen wird von einem paarungsbereiten Weibchen quer angeschwommen |
|  |
| | Langsam krümmt sich der Colisa labiosa-Mann um die Partnerin |
|  |
| Jetzt hat das Colisa labiosa-Männchen sein Weibchen voll umschlossen
|
|
Noch eine Anmerkung zum deutschen und zum wissenschaftlichen
Namen der Art (labiosa - mit Lippen). Die Namen sind etwas irreführend;
denn nur die älteren Männchen haben wirklich wulstige Lippen. Das trifft aber
auch bei Colisa fasciata zu. Nun ist Schönheit ja bekanntlich eine Frage
des Geschmacks, aber die Proportionen von Colisa labiosa erscheinen mir
doch weit ausgeglichener als die von Colisa fasciata; daher gefallen mir
die Colisa labiosa besser. Sie sind auch in der Haltung und Zucht
zweifellos unkomplizierter. Das sind wohl auch die Gründe, warum sie in der
Aquaristik weiter verbreitet sind als die Colisa
fasciata.
Dicklippige Fadenfische sind wie auch die fasciata je nach
Herkunft uneinheitlich gefärbt. Die Männchen sind aber in der
Fortpflanzungszeit relativ dezent gekleidet, sicher aber geschmackvoll.
Sie haben eine dunkelbraunrote Körpergrundfarbe, die von etwa zehn hellblau
glänzenden Schrägbändern unterbrochen wird. Ihre Brust- und Kehlpartie ist
schwarz bis blau getönt. Die Afterflosse leuchtet gewöhnlich in einem schönen
Blau und ist orangerot bis gelb gerandet. Rötlich sind auch die
Bauchflossenfäden und die Augen der labiosa -Männchen gefärbt.
Dicklippige Fadenfische können eine Gesamtlänge bis zu neun
Zentimetern erreichen. Die Weibchen sind etwa einen Zentimeter kleiner. Nach
Literaturangaben sollen Colisa fasciata deutlich größer werden,
doch habe ich bisher bei fasciata auch nur Längen von neun Zentimetern
messen können. Dicklippige Fadenfische sind anspruchslos und hart. Man kann sie
ohne Vorbehalte für das gut bepflanzte Gesellschafts-Aquarium empfehlen. Die
Beifische sollten allerdings friedlich sein, lieber etwas kleiner als
C.
labiosa ,
denn
größer. Dicklippige Fadenfische sind eigentlich selbst während der
Fortpflanzungszeit friedlich, wenngleich die Männchen dann territorial werden
und Eindringlinge aus dem Revier vertreiben. Die Fische stellen weder an das
Wasser noch an das Futter gehobene Ansprüche; mit Flockenfutter sind sie voll
zufrieden. Gelegentlich können sie allerdings etwas schreckhaft sein. Oft
laichen die Fische schon im Gesellschaftsbecken ab. Zur gezielten Zucht sollte
man die Geschlechter jedoch zunächst einige Tage getrennt halten und mit
lebenden weißen oder schwarzen Mückenlarven gut anfüttern. Dann setzen wir die
Tiere paarweise in ein gut bepflanztes Zuchtbecken. 80 Liter Wasser sollten wir
den Fischen schon bieten und nicht vergessen, Verstecke für das Weibchen
anzulegen; es könnte sonst vom Partner zu heftig gejagt werden! Im Hinblick auf
die geringe Stabilität des Schaumnestes verzichtet man besser auf eine
Durchlüftung und einen Filter. Stattdessen sorgen wir dafür, dass ausreichend
Wasserpflanzen an die Wasseroberfläche reichen, am besten Schwimmpflanzen. Gut
eignen sich
Riccia,
aber auch der
schwimmender Hornfarn. Die Schwimmpflanzen werden von den Männchen gern als
Stütze für das Schaumnest benutzt. Anders als Zwergfadenfische, tragen die
Dicklippigen Fadenfische kein Nistmaterial zusammen. Die Schaumblasen werden
einfach zwischen schon vorhandene Pflanzenteile gespuckt. Das Nest ist oft
unregelmäßig begrenzt und meist nur flach. Es besteht in aller Regel nur aus
wenigen Blasenlagen.
Sobald die Männchen in Ablaichstimmung kommen, färben sie sich
tief dunkelbraun. Immer wieder versuchen sie, die Weibchen zum Nest zu locken.
Das gelingt nicht auf Anhieb. Die Werbung kann dann in Aggression umschlagen,
und die Partnerinnen werden durch das Becken gejagt. Die laichwilligen Weibchen
nähern sich meist von ganz allein dem Nest. Das Männchen empfängt die Partnerin
mit weit gespreizten Flossen. Es folgt ein Umkreisen. Besonders am Anfang der
Laichphase verliert das Weibchen dann manchmal den Mut oder die Stimmung; es
schwimmt schnell wieder davon und wird vom Männchen oft aggressiv verfolgt. In
späteren Phasen entwickelt sich aus dem Umkreisen die Umschlingung. Dabei
drängt sich das Weibchen seinem Partner in die Flanke, woraufhin dieser sich
ganz langsam krümmt, bis er das Weibchen fest umschlungen hat.
Zunächst finden Scheinpaarungen statt, also unvollständige
Umschlingungen oder Paarungen ohne Laichausstoß. Erst später werden pro Laichakt
zehn bis 100 Eier abgegeben. Die Eier sind glasklar und treiben sofort nach
oben unter das Nest. Pro Laichphase kommen etwa 400 bis 600 Eier zusammen. Das
Weibchen hat nach dem Ablaichen nichts mehr im Zuchtbecken zu suchen; es sollte
jetzt umquartiert werden. Ich habe die Eier unter dem Mikroskop vermessen. Sie
sind mit einem Durchmesser von 0,7 bis 0,8 mm (einschließlich Eihülle) kleiner
als die Eier aller anderen asiatischen Labyrinthfische, die ich genau vermessen
habe - das sind immerhin an die 20 Arten. Die Eier der kleineren
Zwergfadenfische
(Colisa lalia)
sind größer und auch
die der noch kleineren Honigfadenfische
(Colisa chuna)
sind
deutlich größer. Sie haben Durchmesser zwischen 0,85 und 1,0 mm!
Die Larven schlüpfen bei einer Temperatur von 29 Grad Celsius
bereits nach 22 Stunden. Sie werden jetzt vom Vater noch weiter versorgt, bis
die Brut nach ein oder zwei Tagen das Nest verlässt. Dann ist es für den Züchter
an der Zeit, auch den Vater zu entfernen. Zwar kann man beobachten, dass
Männchen, mitunter sogar die Weibchen, der freischwimmenden Brut nur
gelegentlich nachstellen, aber hierauf ist kein Verlass! Wer sichergehen will,
sollte die jungen Fadenfische ohne Eltern großziehen. Die ersten Tage nach dem
Freischwimmen sind für die Aufzucht problematisch; denn die Kleinen nehmen nur
allerkleinste, lebende Nahrung auf. In alteingerichteten Zuchtaquarien ist
meist nur für einen Teil der Brut so viel an Kleinlebewesen vorhanden, dass die
Fischlarven die kritische Zeit überstehen können. Wer größere Mengen an
Jungtieren aufziehen will, der muss Rädertierchen und Einzeller zufüttern. Zu
diesem Zweck sind Infusorienkulturen und möglichst mikroskopische Kontrollen
angebracht.
Erst nach etwa 7 Tagen sind die Jung-Labiosa in der Lage, frisch
geschlüpfte Salinenkrebse zu fressen. Dann ist die weitere Aufzucht recht
einfach. Es empfiehlt sich, möglichst zwei- oder dreimal täglich zu füttern. Ein
etwa alle zwei oder drei Tage vorsichtig durchgeführter Teilwasserwechsel
fördert das Wachstum der Kleinen deutlich.
* Derzeit wird von einigen Autoren eine Umstellung der Gattungsnamen angestrebt. Ich hoffe, dass sich das nicht durchsetzt und bleibe daher hier bei den alteingeführten Namen.
 |  |  | Sekunden vor dem Ablaichen!
| Jetzt erscheint ein Punk kleiner durchsichtiger Eier
| Das Paar verharrt kurzzeitig inmitten der hochschwebenden Laichkörner
|
|