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Dr. Fischs Bio­kurs für Aquarianer

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Tiergeographie

© Dr. Jörg Vierke

Die Tiergeographie oder Zoogeographie beschäftigt sich mit der Verbreitung der Tiere und deren Ursachen. Die derzeitige Verbreitung ist aus den Umweltansprüchen der Art und den gegenwärtigen ökologischen Bedingungen (abiotische Faktoren wie Klima und Boden, biotische wie tierische und pflanzliche Mitbewohner, sowie der Mensch) heraus zu erklären: ökologische Tiergeographie. Oft müssen zur Deutung ökologische Veränderungen der Vergangenheit hinzugezogen werden: historische Tiergeographie.

Hechte Esox lucius sind circumpolar. Es gibt sie in Nordamerika und im Norden Eurasiens. Das verdeutlicht, dass die Trennung dieser Kontinente noch sehr jung ist.
Der Achtbindenbuntbarsch Rocio octofasciata ist im nördlichen Mexiko daheim. Seine Vorfahren waren Südamerikaner, denn die Landbrücke zwischen Nord- und Südamerika entstand erst sehr viel später. Durch Einbürgerungen wurde er inzwischen auch in Nordamerika und an anderen Orten auf der Welt angesiedelt.
Der Speisegurami Osphronemus gourami lebt frei nicht nur in seiner südostasiatischen Heimat. Aussetzungen und Einbürgerungen gaben ihm neue Heimatgewässer in China, Vorderindien, Sri Lanka und den Seychellen

Aktive Ausbreitung. Wenn eine Art ihr Siedlungsgebiet durch Eigenbewegung erweitert, spricht man von aktiver Ausbreitung. Sie wird möglich, wenn plötzlich neue geeignete Siedlungsräume zur Verfügung stehen (zum Beispiel bei vulkanisch entstandenen Inseln) oder wenn alte Ausbreitungsschranken wegfallen. Das könnte bei Landtieren die Entstehung einer Landbrücke sein, bei Süßwassertieren ein neu entstandener Kontakt zwischen zwei bislang getrennten Flußsystemen.

Beispiel: Erst die Bildung der Landbrücke zwischen Nord- und Südamerika ermöglichte es den Cichliden, weiter nach Norden zu wandern und dort ihr Areal bis etwa Texas auszuweiten.

Areal. Das natürliche Verbreitungsgebiet einer Art wird als ihr Areal bezeichnet. Die Grenzen des Areals sind zumeist geographische Barrieren (Klima, Gebirge, Meere). Gelegentlich sind sie aber auch historisch bedingt oder durch die Konkurrenz anderer Arten.

Ausbreitungsschranken. Die Weltmeere sind die wichtigste Ausbreitungsschranke sowohl für Landtiere als auch für Lurche und Süßwasserfische. Weitere topographische Schranken sind Wasserscheiden, Wasserfälle und Gebirge. Die Wasserscheide zwischen Rhein und Donau trennt Lachs und Stör (im Rhein) von Huchen und Sterlet (in der Donau). Ein Wasserfall im Gudbrandstal in Norwegen stellt für sieben Fischarten die obere Grenze dar. Die Gebirge zwischen Birma und Thailand trennen die westlichen Fadenfische (Colisa) von den östlichen (Trichogaster). - Wenn die Schranken fallen, kann dies zu folgenschweren Einwanderungen führen. Der Bau des Welland-Kanals schaltete in Nordamerika die Schranke der Niagara-Fälle aus und ermöglichte es den Lampreten, in die Großen Seen einzuwandern und die dortigen großen Forellenbestände fast völlig zu vernichten.

Eine wiederholte Trennung und später erfolgte Wiedervereinigung im Bereich eines Areals kann zu einem ganzen Artenschwarm führen. Das ist beispielsweise im indonesischen Bereich Südostasiens während der Eiszeiten geschehen. Während der Kaltzeiten waren die jetzigen Inseln einheitlich Festland, da der Meeresspiegel damals weltweit etwa 70 m tiefer als heute lag. In den Warmzeiten stieg der Meeresspiegel, das ursprüngliche Festland wurde in einen Pulk von Inseln aufgesplittert - wie heutzutage. Diese wiederholten Isolierungen führten zur getrennten Entwicklung von Arten: Artbildung. Als Beispiel nenne ich die zahlreichen Parosphromenus- und Betta-Arten in diesem Bereich.

Disjunktionen sind vom Hauptverbreitungsgebiet einer Art isolierte Vorkommen. Mit Sicherheit haben sie früher zu einem größeren, gemeinsamen Areal gehört. Ursache für derartige Reliktvorkommen sind zumeist Klimaänderungen. Als Beispiel sei die Europäische Sumpfschildkröte genannt, die im Oderbruch eine isolierte Wärmeinsel besetzt hält.

Einbürgerungen. Die Verbreitung von Tieren durch den Menschen in ihnen fremde Erdräume wird Einbürgerung genannt. Sie sind nicht unproblematisch, da sie fast immer auf Kosten der alteingesessenen Tiere gehen.

Beispiele: In vielen tropischen und subtropischen Gebieten wurden südamerikanische Lebendgebärende (z. B. Gambusen) zur Moskito- bzw. Malariabekämpfung ausgesetzt, da sie die Mückenlarven vertilgen. In allen europäischen Mittelmeer-Anrainern findet man heute die ursprünglich in Südamerika beheimateten Koboldkärpflinge Gambusia affinis. - Auch das Areal der Zwergwelse wurde durch Einbürgerungen gewaltig erweitert (Abb. rechts!).

Als Nutzfische wurden vielerorts Tilapien und Guramis eingeführt. Sie konnten oft aus den Zuchtteichen entweichen und verwilderten. Auch in Europa gibt es eine Unzahl eingebürgerter Fische. Sie stammen zumeist aus Nordamerika. Das betrifft mehrere Lachsfische (u. a. Regenbogenforellen und Bachsaiblinge), alle Ictaluriden (Zwergwelse) und Centrarchiden (Sonnenbarsche) sowie mehrere weitere Arten. Verursacher sind in erster Linie Sportangler.

Filter-Brücken-Theorie. Die Wirkung der Filter-Brücke liegt darin, dass bestimmte Faktoren wie Klima, Vegetation und dergleichen einigen Tieren die aktive Ausbreitung über bestimmte geographische Schranken (Gebirge, Meer, Wüste) ermöglichen, anderen dagegen verwehren. Sie werden "abgefiltert". Ein Beispiel: Auf Borneo leben 89 Froscharten. Von ihnen gelangten 15 Arten im Laufe von Jahrmillionen während des zeitweiligen Auftretens von Landbrücken zur nördlich gelegenen Insel Palawan. Von hier aus konnten nur sieben von ihnen die noch weiter im Norden gelegene Philippinen-Insel Luzon erreichen.

Kontinentaldrift.gif
Ursprünglich gab es nur einen Urkontinent (Pangaea). Am Ende der Triaszeit (vor etwa 180 Millionen Jahren) gab es zwei Urkontinente: Laurasia und das Gondwana-Land. Drift-Erscheinungen führten dazu, dass sich am Ende der Kreidezeit (vor etwa 65 Millionen Jahren) vier Südkontinente gebildet hatten.

Kontinentalverschiebung oder Kontinentaldrift. Die Anzahl und Lage der Kontinente hat sich im Verlauf der Erdgeschichte verschiedentlich geändert, damit auch die Ausbreitungsbarrieren für Tiere und Pflanzen. Beispielsweise waren Eurasien und Nordamerika noch am Ende der Kreidezeit miteinander verbunden, dagegen war Südamerika von Nordamerika sehr lange getrennt. Hieraus erklärt sich die große Ähnlichkeit der Tiere in Nordamerika und Eurasien, andererseits der Unterschied zwischen der nordamerikanischen und der südamerikanischen Tierwelt. Ganz allgemein lassen sich aus der Kenntnis der historischen Lage unserer Kontinente Hinweise auf den Zeitpunkt der Entstehung bestimmter Tiergruppen ziehen.

Beispiel: Buntbarsche und Salmler gibt es sowohl in Afrika als auch in Südamerika. Diese großen Tiergruppen müssen bereits vor der Trennung der beiden Kontinente bestanden haben, also vor mindestens 135 Millionen Jahren. Danach haben sie sich natürlich getrennt weiterentwickelt.

Passive Ausbreitung. Die Faktoren, die eine passive Ausbreitung von Tierarten bewirken, sind das Wasser, der Wind, die Tiere und der Mensch. Beispiele: Durch größere Überschwemmungen können die Larven von Süßwasserfischen von einem Stromsystem in ein anderes geschwemmt werden; der Wind kann fliegende Tiere verdriften; Enten und anderes Wassergeflügel können an ihnen haften gebliebenen Fischlaich ungewollt von Gewässer zu Gewässer tragen; der Mensch hat bewusst (Nutztiere) und ungewollt (Mäuse, Ratten) Tiere in alle Kontinente gebracht.

Die vier tiergeographische Regionen und einige ihrer Unterregionen (kleiner geschrieben)

Tiergeographische Regionen. Man unterscheidet vier große Regionen, die im Einzelnen allerdings noch unterteilt werden können: die Holarktis (außertropisches Eurasien und Nordamerika), die Neotropis (Süd- und Mittelamerika), die Paläotropis (Afrika mit Madagaskar, Indien, Südostasien) und die Australis (Australien, Neuseeland, Polynesien und Hawaii). Jede dieser Regionen hat eine für sie eigentümliche, charakteristische Tierwelt. So sind Regenbogenfische auf die Australis beschränkt, Labyrinthfische auf die Paläotropis und Lebendgebärende Zahnkarpfen auf die Neotropis. Ein paar "Ausreißer" gibt es schon, aber die sind als Spätauswanderer oder als Einbürgerungen leicht zu erklären.

Weitgehend identisch mit den tiergeographischen Regionen sind die pflanzengeographischen Regionen. So gibt es Echinodorus nur in der Neotropis, Cryptocorynen nur in der Orientalis.

Wallace-Linie. Die Tier- und Pflanzenwelt der indonesischen Inseln ist durch eine markante Verbreitungsgrenze geteilt, die zwischen den westlichen Inseln Borneo und Bali einerseits und zwischen den östlicher liegenden Inseln Sulawesi (Celebes) und Lombok andererseits liegt. Sie wird nach dem Forscher Alfred Russell Wallace (1823 - 1913), dem Begründer der Tiergeographie, als Wallace-Linie bezeichnet (vgl. Abb. links!). Die westlich dieser  Grenze liegenden Inseln haben eine Tierwelt, die sich von der des Festlandes kaum unterscheidet, da diese auf dem Kontinentalschelf lagernden Inseln während der Eiszeiten alle miteinander über Landbrücken verbunden waren. Die tiefe Seewasser-Rinne der Lombok-Straße und die Meerenge zwischen Borneo und Sulawesi blieben aber auch während der Eiszeit eine wirksame Barriere für nicht fliegende Landtiere und für Süßwasserbewohner.