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Dr. Fischs Bio­kurs für Aquarianer

 

Systematik

© Dr. Jörg Vierke

Die wichtigsten systematischen Kategorien am Beispiel der Einordnung des Perez-Salmlers

Artbegriff
Die Grundeinheit des biologischen Systems ist die Art (Spezies). Zu einer Art werden alle Organismen gezählt, die in den wesentlichen Merkmalen übereinstimmen und eine natürliche Fortpflanzungsgemeinschaft bilden. Eine Art ist also - zumindest in der Theorie - leicht von anderen Arten zu unterscheiden, In der Praxis bereitet das jedoch oft Schwierigkeiten, denn Arten sind nicht unveränderlich. Im geologischen Zeitmaßstab kommen und vergehen Arten. Arten entwickeln sich weiter zu anderen Arten und können sich in neue Arten aufspalten.

Hinweis: Es gibt auch einen speziellen Biokurs Art: >>>

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Luhula, Viral, Morrul, pla chon, Quergestreifter Schlangenkopf ... Wer lange sammelt, würde sicher an die hundert Namen für die Art finden. Wie gut, dass sich die Wissenschaftler aller Länder auf einen verbindlichen und damit eindeutigen Namen festgelegt haben: Channa striata (Bloch, 1793)
Hyphessobrycon_erythrosti...
Hyphessobrycon erythrostigma ist jetzt der gültige Name für den Perez-Salmler.
Auch dieser Atlas-Käfer Chalcosoma atlas Linne ist mit dem Perez-Salmler verwandt (wie alle Lebewesen!), allerdings recht entfernt. Viel näher verwandt sind Mensch und Salmler - beide gehören zum Unterstamm Vertebrata (Wirbelbeltiere).

Binominale Nomenklatur
Der schwedische Naturforscher Carl von Linné (1707 bis 1778) ist der Begründer der binominalen Nomenklatur (wörtlich übersetzt: zweinamige Namensgebung). Er gab allen ihm bekannten Arten einen Gattungs- und einen nachgestellten Artnamen. Dieses Prinzip wurde rasch in der ganzen zivilisierten Welt anerkannt und ermöglicht nun, unabhängig von der jeweiligen Muttersprache, eindeutige Bezeichnungen. Bei genaueren Angaben wird auch der Name des Erstbeschreibers und die Jahreszahl der Erstbeschreibung angefügt, damit man gegebenenfalls die entsprechende Beschreibung finden kann: Zu jeder wissenschaftlichen Namensgebung gehört natürlich die Beschreibung des Tieres.

Beispiel: Luhula (singhalesisch), Viral (tamilisch), Toman Paya (malaiisch), Morrul (hindustan), Ghenal (bengalisch), pla chon (thai), striped snake-head (englisch), Quergestreifter Schlangenkopf (deutsch); die Liste ließe sich bequem verlängern. Wissenschaftlich heißt die Art Channa striata (Bloch, 1793). Im Jahre 1793 hatte Bloch diese Art unter ihrem Artnamen striatus beschrieben. Um zu zeigen, dass er sie unter einem anderen als dem heute gültigen Gattungsnamen (damals als Ophiocephalus) beschrieben hatte, wird der Autorenname in Klammern gesetzt.

Unvermeidlich ist dabei etwas lateinische Grammatik! Die Endung des Artnamens wird gegebenenfalls dem Geschlecht des Gattungsnamens angepasst. So wurde in unserem Beispiel aus striatus bei Ophiocephalus (männlich!) striata (mit der weiblichen Endung a!), da der neue Gattungsname Channa weiblich ist.

Natürliches System
In wohl allen Systemen hatte man versucht, die Tiere und Pflanzen nach ihrer Ähnlichkeit gradweise abgestuft einzuordnen. Im natürlichen System ist man bestrebt, den tatsächlichen Abstammungsverhältnissen nahezukommen. Hier werden also nur solche Ähnlichkeiten berücksichtigt, die sich durch Verwandtschaft erklären lassen, man nennt sie Homologien. Im Gegensatz dazu gibt es auch Ähnlichkeiten, die sich entwickelt haben, weil eine gemeinsame Umwelt dieses erforderte (Konvergenzen, Analogien). Ein Beispiel für Konvergenz: Die ähnliche Körperform der Wale und der Fische, als Anpassung an die schnelle Fortbewegung im Wasser (Stromlinienform).
Das natürliche System ist das von allen heute tätigen Systematikern angestrebte Ziel, das im Hinblick auf die große Artenzahl (derzeit etwa 300 000 Pflanzenarten* und ca. 7 800 000 Tierarten) und viele weitere Probleme nie völlig erreicht werden kann. Neue Untersuchungen und Entdeckungen erfordern immer wieder eine Anpassung der bisherigen Namensgebung an die neuesten Erkenntnisse.

Prioritätsgesetz
In vielen Fällen wurde dieselbe Art von mehreren Autoren oder sogar vom selben Autor unter verschiedenen Namen beschrieben. Dann entscheidet das Prioritätsgesetz, das aussagt: Gültig ist derjenige Name, der zuerst publiziert wurde, sofern er mit einer Beschreibung versehen ist, die es ermöglicht, die Art mit hinreichender Sicherheit zu erkennen. An die Gültigkeit einer Beschreibung sind allerdings verschiedene Bedingungen geknüpft - beispielsweise sind Beschreibungen, die vor 1758 liegen, unwirksam.

Megalamphodus_megalopteru...
Nahe verwandt mit dem Perez-Salmler ist der Schwarze Phantom-Salmler Megalamphodus megalopterus. Beide gehören zur Familie Characidae (Echte Salmler)

Das Prioritätsgesetz soll die Stabilität der Nomenklatur gewährleisten; eine internationale Kommission kann im Einzelfall Ausnahmen zulassen. Doch ist man hier vorsichtig - z. B. werden Rechtschreibefehler der Originalbeschreibung oder unsinnige Namen normalerweise nicht korrigiert. Wenn der südamerikanische Tigersalmler als Hoplias malabaricus bezeichnet wurde, weil der Beschreiber ursprünglich angenommen hatte, der Fisch käme von der indischen Malabarküste, dann ist dieser Irrtum kein Grund, die Art umzutaufen!

Synonyme
Synonyme sind Namen, die sich von ungültigen Zweitbeschreibungen herleiten. Beispiel: Im Jahre 1956 beschrieb Hoedeman einen Salmler als Hyphessobrycon rubrostigma. Gery fand heraus, dass diese Art jedoch schon 1943 von Fowler gültig als erythrostigma beschrieben wurde. Nach dem Prioritätsgesetz ist die Bezeichnung "H. rubrostigma" damit zum Synonym geworden.

Typus
Der Typus ist die biologische Bezugsgrundlage für die Anwendung des Namens einer Art (oder höheren Kategorie). Jeder Erstbeschreiber sollte ein ihm besonders typisch oder gut erhaltenes Exemplar seines Bearbeitungsmaterials als "Holotypus" festlegen. Spätere Bearbeiter können sich dann auf dieses Exemplar beziehen. Wenn mehrere Exemplare ein neuen Art konserviert werden und der Erstbeschreiber keines von ihnen ausdrücklich als Holotypus bestimmt hat, dann kann aus dieser Typusserie ("Syntypen") von einem späteren Bearbeiter dieser Serie einer dieser Typen zum "Lectotypus" bestimmt werden.

Speziell zum Thema "Typus" gibt es einen eigenen Biokurs: >>>

* Bis vor wenigen Jahren ging man noch von rund 900 000 Pflanzenarten aus. Inzwischen hat sich die Auffassung durchsetzt, dass bei den Pflanzen die Zahl der wissenschaftlichen Namen drei Mal so groß ist wie die der tatsächlichen Arten (Synonyme! Quelle: Bot. Inst. Kew Gardens, Richmond)!

 

© Dr. Jörg Vierke