Fischverhalten beobachten und verstehen
 
 SUCHE:
 

Besucherzähler


»» Biokurs Art

 

Biologen dichten: „Alles was sich schart und paart gehört zu einer Art!“ Auch wenn der Artbegriff die einzige taxonomische Kategorie ist, die sich objektiv festlegen lässt, gibt es hier doch einige Fallstricke.

Biokurs Art / Spezies

© Dr. Jörg Vierke

Artbegriff:

Lebewesen, die sich unter natürlichen Verhältnissen untereinander mit dem passenden Geschlechtspartner fortpflanzen oder fortpflanzen könnten, gehören zu einer Art (Spezies). Die Art ist also eine natürliche Fortpflanzungsgemeinschaft; sie hat ein gemeinsames Repertoire an Vererbungsträgern, einen einheitlichen Genpool. Eine so festzulegende Art wird als Biospezies bezeichnet.

Ein Artbastard: Vater Colisa lalia, Mutter C. labiosa. Die Kreuzung ergab nur Männchen, vermutlich unfruchtbar.

Allerdings gibt es gelegentlich auch Nachkommen zwischen den Mitgliedern verschiedener Arten, sogar zwischen Mitgliedern verschiedener Gattungen. Solche Mischlinge oder Bastarde werden oft unter unnatürlichen Verhältnissen gezeugt (z. B. in Gefangenschaft; ein Beispiel Abb. links, mehr dazu:  >>>) und sind dann meistens steril oder nur eingeschränkt fortpflanzungsfähig.

Noch weniger eindeutig ist es bei Arten, die sich ungeschlechtlich fortpflanzen (das gibt es selbst unter Fischen!) oder bei Arten, deren Fortpflanzungsweisen man nicht mehr überprüfen kann (bereits ausgestorbene Arten). Sie werden dann nach gemeinsamen typischen Merkmalen als „Morphospezies“ beschrieben.

Artbeschreibung:

Die Biologen sind bestrebt, alle lebenden und so viele ausgestorbene Arten wie möglich zu erfassen und zu beschreiben. Bei einer wissenschaftlichen Artbeschreibung sind einige Voraussetzungen zu erfüllen, von denen nur die wichtigsten genannt werden sollen: Die Beschreibung sollte in gedruckter Form vorliegen, sie sollte die neue Art je nach vermutetem Verwandtschaftsgrad einer bekannten oder zu schaffenden Gruppe zuordnen (Gattung), sollte einen latinisierten Namen erhalten und in der Beschreibung eindeutig in der Überschrift zu erkennen sein (als spec. nov. oder ähnlich). Abgrenzungen gegen sehr ähnliche Arten sind zwar nicht zwingend nötig, werden aber erwartet. Und natürlich sollte die wissenschaftlich neu zu beschreibende Art nicht schon früher bereits beschrieben sein. Irrtümliche Zweitbeschreibungen werden automatisch als Synonyme behandelt. Die tatsächliche Erstbeschreibung genießt gewissermaßen Bestandsschutz, sie hat Priorität.

Diese Regeln und noch einige mehr sind für alle Biologen, die sich mit dem Thema befassen, in den "Internationalen Nomenklaturregeln" verbindlich festgelegt.

Apistogramma_borellii.jpg
Im Deutschen wird er Gelber Zwergbuntbarsch genannt oder auch Borellis Zwergbuntbarsch, im Englischen Umbrella Cichlid, im Polnischen Pielęgniczka żółta und im Russischen Ка́рликова цихлі́да Боре́ллі. In allen Sprachen der Welt aber gilt der wissenschaftliche Name: Apistogramma borellii.
Artbenennung:

Bei der wissenschaftlichen Artbenennung werden zwei Namen benutzt, ein vorangestellter Gattungsname (groß geschrieben!) und der nachgestellte Artname (klein geschrieben). Die Namen sollten latinisiert sein, müssen aber nicht notwendigerweise sinnvoll sein. Der Fisch könnte also pugnax (lat. kämpferisch) heißen, auch wenn er absolut friedfertig ist. - Es ist logisch, dass niemand derart irreführende Namen anstrebt. Aber aus Gründen der Namens-Stabilität hat man sich auf dieses Verfahren geeinigt.

Ein Beispiel für die Benennung einer Art: Apistogramma borellii. Dieser Zwergbuntbarsch wird in fast jeder Sprache mit einem anderen Trivialnamen belegt. Im Deutschen wird er Gelber Zwergbuntbarsch genannt oder auch Borellis Zwergbuntbarsch, im Englischen Umbrella Cichlid, im Polnischen Pielęgniczka żółta, im Chinesischen 博氏隐带丽鱼 und im Russischen Ка́рликова цихлі́да Боре́ллі. In allen Sprachen der Welt wird aber – wenn es wissenschaftlich eindeutig sein soll – der lateinische Name hinzugefügt: Apistogramma borellii.

Die Artbenennung "borellii" bezieht sich auf den Familiennamen Borell oder Borelli (um mehr zu erfahren, müsste man in der Original-Erstbeschreibung nachlesen!), man spricht dann von einem Widmungs- oder Dedikations-Namen. Er kann sich auf den Entdecker des Fisches beziehen oder auch auf einen Sponsor, Freund, Vorgesetzten oder Familienangehörigen des Beschreibers. Es gab auch schon überehrgeizige Beschreiber, die ihren eigenen Vor- und Nachnamen als Artbezeichnung veröffentlicht haben. Logisch, dass die in Kollegenkreisen nur Spott und Schande geerntet haben!

Zum Doppel-i: Der Name Borell oder Borelli wurde latinisiert zu Borellius und dann der Genitiv gebildet. Apistogramma borellii hieße dann "Borells Apistogramma" bzw. "Borellis Apistogramma". Wie aber oben schon betont - in der Praxis ist die Übersetzung eines wissenschaftlichen Namens absolut unnötig.

Oft wird noch der Name des Erstbeschreibers (der in den meisten Fällen nicht mit dem Entdecker identisch ist!) und die Jahreszahl der Erstbeschreibung hinzugefügt, in diesem Fall: Apistogramma borellii (Regan, 1906). Wenn dieser Zusatz in Klammern steht, bedeutet es, dass die Art ursprünglich in eine andere Gattung gestellt wurde. Tatsächlich hatte Regan diesen Zwergbuntbarsch zunächst als Heterogramma borellii beschrieben. Er entdeckte später, dass "Heterogramma" bereits eine gültige Käfer-Gattung ist und ersetzte diesen Namen als nomen novum mit Apistogramma.

Heterogramma borellii ist also ein ungültiger Name, ein Synonym. Ein weiteres Synonym für diese Art ist die lange sehr häufig benutzte Benennung Apistogramma reitzigi. Genau genommen ist auch die falsche Schreibweise "borelli" (mit nur einem i) ein Synonym!

Artenwandlung (phyletische Evolution):

Arten sind als lebendige Systeme in ständigem Wandel. Wenn sich ihr natürlicher Lebensraum ändert und sie deswegen nicht aussterben, dann passen sie sich im Verlauf der Evolution durch Mutation und Selektion >>> an und verändern sich entsprechend. So kann im Lauf langer Zeiträume aus einer Art eine andere Art entstehen. Man beachte: Durch diesen Prozess nimmt die Zahl der gleichzeitig lebenden Arten nicht zu.

Im Verlauf der Eiszeiten veränderte sich mehrmals die Küstenlinie im Bereich von Inselindien - eine richtige "Artenmaschine"! Die Küstenlinien: 0 m (aktuell), -60 m, -120 m. Mehr dazu im Text! Die Wallacelinie (mehr hierzu im Biokurs Tiergeografie >>>) lag nie trocken und war eine Barriere für alle Landlebewesen einschließlich der Süßwasserorganismen. (Karte nach Birdsell, 1977)

Artaufspaltung:

Wenn durch zumeist geographische Vorgänge (Gebirgsbildung, Meeresspiegelanstieg) die Mitglieder einer Art räumlich getrennt werden, wird zugleich auch ihr Genaustausch unterbrochen, es entstehen zwei unabhängige Genpools. Dadurch können Mutation und Selektion in den beiden Gebieten jeweils unterschiedlich wirken (allopatrische Artspaltung).

Wenn Mutationen dazu führen, dass innerhalb einer Art einzelne Individuen aus der Fortpflanzungsgemeinschaft herausfallen und sich mit den übrigen Mitgliedern der Art nicht mehr mischen können, können sich ebenfalls neue Arten entwickeln (sympatrische Artaufspaltung). Derartige spontane genetische Isolationen treten bei Tieren allerdings nur ausnahmsweise auf. Bei Pflanzen sind sie jedoch häufig (für Kenner: Polyploidie!).

Paros.jpg
Ein Beispiel für Zwillings-Arten (Unterarten?): Parosphromenus alfredi von der Malaischen Halbinsel (oben) und eine erst kürzlich beschriebene Form aus Sumatra (unten Parosphromenus phoenicurus, vorher bekannt als P. spec. Langgam).
Ein Beispiel für allopatrische Artspaltung:

Indonesien ist derzeit in eine Vielzahl von großen und kleinen Inseln aufgespalten. Bei den Labyrinthfischen, speziell bei den Betta- und den Parosphromenus-Arten, gibt es oft auf jeder Insel unterschiedliche Arten. Das wird nur erklärlich wenn man weiß, dass es hier wiederholten geografischen Wandel gegeben hat. Zu den Eiszeiten (seit 1 Mill. Jahre gab es 6 Kaltzeiten) war der Meeresboden weltweit 100 bis 150 m tiefer, da das Wasser in Form von Eis in den höheren Breiten gebunden war. Man beachte hierzu die Abbildung links!

Mit Beginn der Zwischeneiszeiten (= Warmzeiten) stieg der Meeresspiegel. Nur die höheren Zonen des ursprünglich einheitlichen Landes blieben als Inseln zurück, so wie es auch heute aktuell im indonesischen Raum vorgefunden wird. Die hier lebenden Tiere sind in dieser Situation von ihren Verwandten auf der jeweiligen Nachbarinsel isoliert und entwickeln, bzw. entwickelten sich eigenständig weiter. Bei der folgenden Eiszeit fallen wieder große Meeresgebiete trocken und werden zum Festland. Dann kommt es gewissermaßen zur "Wiedervereinigung" der bislang isolierten Populationen. In der Trennungszeit haben sich in vielen Fällen die ursprünglichen Artangehörigen so weit voneinander auch genetisch getrennt, dass sie sich untereinander nicht mehr fortpflanzen können. Eine neue Art ist entstanden!

Das Ganze wiederholte sich mehrmals und so kam es zu der Vielfalt zum Verwechseln ähnlicher Arten und Unterarten auf den Inseln (Artentstehung in der letzten Eiszeit, oft "Zwillings-Arten", vgl. Abb. rechts) und zu meist klarer unterschiedenen Formen aus früheren Eiszeiten.

Lumper und Splitter:

„Splitter“ sind Biologen, die bei der taxonomischen Bearbeitung dazu neigen, schon bei geringen Unterschieden neue Arten zu beschreiben. So gibt es Pracht-Zwergguramis, die nur auf Grund sehr geringer Farbunterschiede als neue Art beschrieben wurden, speziell dann, wenn sie von verschiedenen benachbarten Inseln stammen. Im Experiment würde man feststellen, dass sich diese Arten problemlos miteinander vermischen. Das würde auch ohne den Menschen geschehen, wenn die Arten in der nächsten Eiszeit wieder aufeinander treffen – wenn der Mensch sie bis dahin nicht durch Biotopvernichtung ausgerottet hat!

„Lumper“ dagegen würden auf viele dieser zweifelhaften Artbeschreibungen verzichten, vielleicht auch, weil sie weniger versessen sind, sich damit einen Namen zu machen. Würde man nach den Splittern gehen, dann könnte man sicher auch die Knurrenden Guramis (Trichopsis vittata) und T. trichopterus aufspalten!

Die Artabgrenzung ist also oft auch strittig. Das braucht jedoch niemanden zu irritieren. Da sich Arten im geschichtlichen Ablauf herausbilden, muss es immer auch Übergänge und Grenzfälle geben.

Sphaerichthys.jpg
Abbildungen von zwei Schokoladengurami-Arten. Sie wurden beide 1979 beschrieben, die obere als Art, die untere als Unterart.
Unterarten (Subspezies):

Bei den wissenschaftlichen Bezeichnungen trifft man gelegentlich auch auf einen weiteren Namen nach dem Artnamen, auf die Benennung einer Unterart. Beispiel: Sphaerichthys osphromenoides selatanensis. Der Beschreiber (in diesem Fall war ich das!) war damals überzeugt, dass es sich bei dieser Art lediglich um eine geographische Rasse, eine Unterart des Schokoladenguramis Sphaerichthys osphromenoides handele. Später stellte sich heraus, dass die gültig beschriebene Unterart tatsächlich eine eigene Art repräsentiert – man spricht dann von einer „guten“ Art. In diesem Fall wird der Name entsprechend geändert. Vollständig heißt der Fisch jetzt: Sphaerichthys selatanensis Vierke, 1979.

Mit der Beschreibung von Unterarten sind Fischkundler heutzutage zurückhaltend. In vielen Fällen begnügt man sich mit einer treffenden Typisierung nach der Färbung oder der Herkunft wie Apistogramma agassizi Rotschwanz, Herichthys carpinte „Tempoal“ oder Parosphromenus spec. Langgam. Diese Benennungen haben keine wissenschaftliche Bedeutung. Im letzten Fall ist gemeint, dass es sich bei dem Fisch um eine nicht weiter bekannte Art aus der Gattung Parosphromenus handelt, die in Langgam aufgefunden wurde (Anmerkung: Zwischenzeitlich wurde diese Form als P. phoenicurus beschrieben.).

Auch nicht mit Unterarten zu verwechseln sind Namen wie Apistogramma cf. pertensis oder Parosphromenus affin. paludicola. In solchen Fällen handelt es sich um noch nicht genauer zugeordneten Arten oder Unterarten, die einer anderen ähnlich sehen. "cf." leitet sich von "conferre" (lat.: vergleiche mit) ab, ein Hinweis auf die Ähnlichkeit mit der entsprechenden Art, vielleicht auch nur auf eine oberflächliche Übereinstimmung. "aff." oder "affin." ist in dieser Hinsicht konkreter. Es bezieht sich auf "affinis" (lat.: verwandt mit).

Zahl der Arten:

Neuesten Schätzungen zufolge gibt es 8,7 Millionen Tier-, Pilz- und Pflanzenarten. Die Forscher kamen auf circa 7,8 Millionen Tiere, fast 300.000 Pflanzen, über 600.000 Pilze, 36.000 tierische Einzeller und 27.000 Algen. Lediglich 1,25 Mill. Arten sind bislang beschrieben. Und jedes Jahr werden 15 000 neue Arten entdeckt und beschrieben (Quelle Hätten Sie gewusst ... >>>).

Etwa die Hälfte aller lebenden Wirbeltierarten gehören nach FishBase zu den Fischen. Das sind derzeit 31.100 Arten. - Im Hinblick auf die Fische ist die Ordnung der Perciformes (Barschartige) mit 10.662 Arten die Größte. Sie beinhaltet die Familie Gobiidae (Grundeln) mit 1.632 Arten in 247 Gattungen und die Familie der Cichlidae (Buntbarsche) mit 1.623 Arten in 207 Gattungen. Die Ordnung der Cypriniformes (Karpfenähnliche) beinhaltet 4.040 Arten mit 470 Gattungen (Quelle FishBase  >>>).

© Dr. Jörg Vierke