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Leerlaufhandlungen Liebestolle Frauen und Puppenspieler
Das Männchen hält offensichtlich überhaupt nichts von diesem Fadenfisch-Weibchen, es ist völlig blass gefärbt. In die Enge getrieben, stellt es sich quer und versucht auf altbewährte Fadenfischart, seine Widersacherin mit Schwanzschlägen einzuschüchtern. Darauf aber reagiert sie völlig unprogrammgemäß. Statt nun ihrerseits aggressiv zu antworten, schmiegt sie sich ganz dicht an ihn. Sie drückt ihre Bauchseite in seine Flanke - er flüchtet in die andere Ecke des Aquariums!
Nun hat sie ihn wieder! Er war im Begriff, mit einem Büschel Torf an die Wasserfläche zu schwimmen. Wieder presst sie sich an ihn (Abb. d) - und nun klappt es. Das Männchen umschlingt sie mit seinem ganzen Körper (Abb. e). Wenig später werden die Eier ausgestoßen (Abb. f). Ein großer Pulk durchsichtiger Laichkörner schwebt nach oben. Normalerweise würde das Männchen nun das Weibchen aus der Nähe des Nestplatzes vertreiben und den Laich versorgen. Hier aber scheinen die beiden sich wenigstens im Moment einig zu sein. Gemeinsam fallen sie über den Laich her, um ihn zu verspeisen. Aber schon folgt die nächste Paarung und wenig später weitere. Ich rette ein paar der Eier durch herausfischen. Sie entwickeln sich zu kleinen Fadenfisch-Bastarden - ein Beweis, dass das Männchen tatsächlich auch abgesamt hat. Das ist bei Fadenfischen nämlich sonst so einfach nicht zu erkennen. Das Bild links zeigt einen der Mischlinge! Hier noch ein Nachtrag: Kürzlich beobachtete ich ganz Entsprechendes bei Betta splendens. Bei diesen Siamesischen Kampffischen handelte es sich aber um eine innerartliche Begegnung: Das sexuell hochmotivierte Weibchen hatte sein Männchen verloren - ich gab ihm ein Ersatzmännchen. Dieser Fisch kam direkt aus dem Verkaufsbecken und war in keiner Weise sexuell gestimmt. Das Weibchen ging das Männchen genau so an, wie oben bei Colisa beschrieben. Das Männchen reagierte exakt wie oben: zunächst durch abwehrende Schwanzflossenschläge, durch Drohen und auch durch Bisse. Schließlich kam es zu mehreren Paarungsvorgängen mit vielen Eiern. Allerdings wurden auch in diesem Fall die Laichkörner gefressen! - Zumindest unter Gefangenschaftsbedingungen sind derartige Vorgänge offenbar nicht selten. * * * Vergewaltigungen sind im Tierreich ausgesprochen selten und kommen fast nur bei Haustieren vor. Wie bereits gezeigt wurde, muss selbst das ständig drängende Guppy-Männchen warten, bis sein Weibchen einverstanden ist und zur Kopulation stehen bleibt! Umso erstaunlicher jedoch ist es, wenn man wie beim geschilderten Beispiel hört, dass ein Weibchen ein Männchen vergewaltigt und dazu noch ein Männchen einer anderen Art! Das ist nahezu unglaublich; ich konnte es aber bei zwei verschiedenen Gelegenheiten beobachten und mit zwei verschiedenen Paaren. Tatsächlich wurden die oben geschilderten Beobachtungen wohl auch nur deshalb in einer Fachzeitschrift abgedruckt, weil ich sie mit Fotos belegen konnte. Sie werden im Fotoblock oben gezeigt. Damals - es war 1971! - hatte ich das Weibchen allerdings irrtümlich noch als Colisa fasciata bezeichnet!
Auch die beschriebenen Arten laichen üblicherweise ähnlich ab, wie das hier beim Punktierten Fadenfisch beschrieben wurde (Kapitel 7. ABLAICHEN). Auch hier findet man Reiz-Reaktionsketten, die der abgebildeten ähneln, die aber im Einzelnen bei den beiden Arten Colisa lalia und C. labiosa
Unter den geschilderten Aquarienbedingungen fehlte das C. labiosa-Männchen. So konnte sich der Drang des Weibchens so steigern, dass er schließlich übermächtig wurde und sich auf die beschriebene Weise seinen Weg bahnen musste. Man kann das gut am Beispiel des Hydraulischen Instinktmodells (siehe unter BALZ!) verdeutlichen. Der Wasserstand stieg immer weiter an, bis der Wasserdruck so kräftig wurde, dass das Ventil zurückgeschoben wurde und es zum Wasserausfluss kam, obwohl kein Gewicht auf die Waagschale gelegt wurde. Verhaltenskundlich ausgedrückt: Der Drang wurde so übermächtig, dass die Instinkthandlung auch ohne Schlüsselreize ausgelöst wurde. In Anlehnung an das Wassermodell spricht man dann auch von Leerlaufhandlung.
Solche Leerlaufhandlungen treten verschiedentlich auch bei anderen Gelegenheiten auf, besonders häufig bei Fischen, deren Brut aus welchem Grunde auch immer verlorengegangen ist.
Bei Mosaikfadenfischen und einigen anderen Fadenfischarten beobachtet man gelegentlich den "Sandhügelbau" (vgl. Abb. links). Lange diskutierten Aquarianer in ihren Zeitschriften darüber, wieso die Männchen unter ihren Nestern derartige mehrere Zentimeter hohe Hügel errichteten. Bei genauer Beobachtung ist das Ergebnis eindeutig. Immer handelt es sich um unter übermächtigem Triebstau stehende Alttiere, die Sandkörner oder auch Kotstückchen am Boden aufsuchten, ganz vorsichtig aufschnappten, so wie man ausgerissene Jungfischchen oder abgetriebene Laichkörner aufnimmt, und zum Nest brachten. Vorsichtig wurde der Fund in die Schaumblasen des Nestes gespuckt. Der schwere Sand blieb darin jedoch nicht hängen, sondern rieselte zu Boden. Dass sich dort manchmal richtige Hügel bilden, spricht von der Ausdauer der brutpflegewütigen Fische.
Nicht selten sieht man Zwergbuntbarsche Wasserflöhe oder Tubifex, die man als Lebendfutter in das Becken gebracht hatte, intensiv hüten und pflegen. Selbst Luftblasen werden gelegentlich am Ausströmerstein gesammelt und zum Nest oder Laichstein gebracht (vgl. Abb. rechts!). Sie haben wie das Lebendfutter entfernt ähnlichen Schlüsselreizcharakter wie gerade freischwimmende Larven. Das hat also nichts mit Futterneid zu tun, oder mit dem Versuch, das Gelege mit Sauerstoff zu versorgen.
Gelegentlich fragt man sich, ob diese Fische denn nicht bemerken, dass diese Tubifex-Würmer oder die Wasserflöhe eben nicht die Brut sind, als die sie gepflegt und verteidigt werden. Mit Sicherheit machen sich die Fische darüber keine konkreten Gedanken. Andererseits - wenn Menschenkinder mit Puppen oder Teddys spielen, wenn alte Damen ihre Möpse verwöhnen, würde niemand eine entsprechende Frage stellen, oder? weiter zur nächsten Haupt-Seite: Symbiose und Parasitismus
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