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Domestikation und Verhalten

©  Dr. Jörg Vierke

SchleierschwanzSegelflosser (Pterophyllum scalare) sind im Aquarium relativ leicht zur Zucht zu bringen. Wer aber von seinem Paar, das gerade abgelaicht hat, erwartet, dass es auch die Jungen großzieht, wird in den meisten Fällen bitter enttäuscht. Am nächsten Morgen, manchmal auch erst nach 3-4 Tagen, wenn die Jungen aus den Eiern schlüpfen, fressen die Eltern ihre Brut. Das liegt nur in seltenen Fällen an den Verhältnissen in unserem Aquarium, sondern tatsächlich an den Fischen. Sie haben eine Instinktlücke. In der Natur kann sich ein derartiger Stamm nicht bilden. Es ist logisch, dass Tiere die Eigenschaft "Nachkommen fressen" nicht auf ihre Nachkommen vererben können. Wie kommt es nun zu diesen Stämmen im Aquarium?

Abb. links: Schleierschwänze - seit Jahrhunderten domestiziert! - Rechts: Segelflosser Pterophyllum scalare laichen oft und gern im Aquarium ab. Gute Pfleger findet man aber nur selten unter ihnen. - Hier ein Alttier am Laichblatt.

Die Segelflosser werden als besonders attraktive und vielgefragte Fische in Un­mengen in Großzüchtereien herangezogen. Die bequemste und ergiebigste Me­thode besteht in der künstlichen Aufzucht: Kurz nach dem Ablaichen werden den Eltern die Eier weggenommen, zum Schlupf gebracht und die Jungen ohne die Eltern aufgezogen. Auf diese Weise kann ein eierfressendes Segelflosser-Paar sehr viele Nachkommen erhalten, denn mit dem Laichfressen würden die Tiere meist erst Stunden nach dem Ablaichen beginnen. Wenn man sie ließe! Fatalerweise sind gerade diese Laichfresser diejenigen Tiere, die besonders häufig und willig ablaichen und daher die besten und am häufigsten benutzten Zuchttiere. Wie kommt es dazu? Die Fische sind meist deswegen zur Brutpflege unfähig, weil sie sich bald nach dem Ablaichen mit ihrem Partner zerstreiten. Damit hängt aber auch zusammen, dass sie recht wahllos und ohne lange zu zö­gern mit einem beliebigen Partner ablaichen. Daher also so praktische Zucht­tiere! Solche Stämme treten verständlicherweise vor allem unter den Cichliden auf, die in Mengen künstlich großgezogen werden, auch z. B. unter den Schmet­terlingsbuntbarschen.

Tierarten, die wie der Segelflosser über viele Generationen hinweg ohne we­sentliche Blutauffrischung von Wildfängen unter der Obhut des Menschen stehen, werden vom Menschen durch bewusste (Schleierzüchtungen!) oder unbewusste (Eierfresser!) Selektion in ihrem Erbgut verändert. Diese Tiere sind domestiziert, es sind Haustiere. Der Grad der Domestikation hängt nicht nur davon ab, wie lange die Tiere schon in Aquarien gehalten werden, sondern auch noch von wei­teren Faktoren. So zeigen sich schon bei manchen erst seit wenigen Jahren ein­geführten Fischen, wie Honigguramis und Schmetterlingsbuntbarschen, Domesti­kationserscheinungen.

Paradiesfische Macropodus opercularisFoto links: Paradiesfische Macropodus opercularis bei der Paarung unter dem Schaumnest

Schon 1967 untersuchte R. W. Ward das Verhalten von insgesamt 200 Paradiesfischen (Macropodus opercularis), wobei er Wildfänge aus Taiwan mit amerikanischen Aquarienmakropoden verglich. Im Paarungsverhalten fand Ward keine qualitati­ven, aber deutliche quantitative Unterschiede zwischen Wildform und Aquarien­form. Die Aquarientiere produzierten bei jeder Paarung sehr viel mehr Eier als die Wildfänge, und die Anzahl der Scheinpaarungen war größer. Die Brutpflege der Aquarienmakropoden war deutlich intensiver als die der Wildform. Sie nah­men die Eier zwar etwas weniger ins Maul, die daraus schlüpfenden Larven da­gegen viel häufiger. Auch bauten sie viel stärker am Nest weiter. Die Nester der Aquarienstämme waren daher viel größer. Auch in der Dauer der Brutpflege übertrafen die domestizierten Fische die wilden. Während die Wildfänge bereits nach 5-6 Tagen ihre Brutpflege beendet hatten, pflegten die anderen noch durchschnittlich einen Tag länger. Auch beim Kampfverhalten zeigten sich deut­liche Unterschiede. Die Wildstämme waren bedeutend aggressiver als die Aqua­rientiere, und sie verteidigten ihre Reviere sehr viel ausgiebiger.

Die geschilderten, statistisch gut abgesicherten Ergebnisse zeigen bei domesti­zierten Makropoden im Gegensatz zu den Segelflossern einen gesteigerten Brutpflegeinstinkt. Es wundert nicht, denn die Paradiesfische werden nicht wie Skalare künstlich aufgezogen, sie sind ohnehin gute Brutpfleger. Zudem fallen für Makropoden die beim Segelflosser geschilderten Gründe für das Eierfressen weg: die Streitigkeiten unter den Partnern. Makropodenmännchen betreiben die Brutpflege allein, jedenfalls in der Regel. Hier hat die Auslese zu sich besonders willig vermehrenden Haustieren geführt, etwas, was man bei den Skalaren unter den üblichen Bedingungen der Kunstaufzucht auch sagen kann. Eine gesteigerte Fruchtbarkeit ist bei allen Haustieren zu beobachten, nicht nur bei "Haus­fischen". Gut züchtende Tiere werden vom Züchter immer wieder zur Weiter­zucht benutzt; sie können ihre Eigenschaft an besonders viele Nachkommen weitergeben.

Auch für die verminderte Aggressivität der domestizierten Makropoden gibt es eine Erklärung. Unter Aquarienverhältnissen hat die Aggression nicht mehr den positiven Sinn wie im Freiwasser. Im Aquarium haben die Makropodenstämme, die miteinander einigermaßen friedlich auskommen können, die größten Aus­sichten, eine reiche Nachkommenschaft zu erzielen.

Abb. links: eine Kampfrasse des Siamesischen Kampffisches. Man beachte die kurzen Flossen des Männchens und den bulligen Kopf!

Abb. unten rechts: Zum Kämpfen überhaupt nicht geeignet - ein Schleierkampffisch. Fatalerweise sind sie aber aggressiver als die Wildform! Sie wurden nämlich aus Kampfrassen herausgezüchtet!

Die Domestikation kann aber gerade im Hinblick auf das Aggressionsverhalten Weißer Schleierkampffischauch zu anderen Ergebnissen führen. Die Siamesen haben bei Betta splendens, dem Kampffisch, und Dermogenys pusillus, dem Halbschnabelhecht, seit gut 100 Jahren systematisch auf Kampffreudigkeit ausgelesen. Sie züchteten nur mit besonders kampflustigen Tieren weiter und erhielten durch diese Selektion besonders hochgezüchtete Kämpfer. Während wilde Betta-Männchen kaum län­ger als 15-20 Minuten kämpfen, sollen die Kampfformen drei Stunden, in Aus­nahmefällen sogar bis zu 24 Stunden kämpfen. Auch bei wilden Dermogenys ist der Kampf meist nach spätestens einer Viertelstunde entschieden. Dagegen kämpfen die Kampfrassen oft stundenlang bis zur völligen Erschöpfung.

Der Film (unten) zeigt mehrere Aspekte. Zunächst eine ganz offenbar domestikationsbedingte Ausfallerscheinung: Die Männchen der Zwergfadenfische Colisa lalia bauen, sobald sie in Laichstimmung sind, ausgesprochen kunstvolle Nester aus Schaumblasen und Pflanzenteilen. Hier wird ein Männchen der blauen Zuchtform der Zwergfadenfische gezeigt, das lediglich ein Nest aus Schaumblasen baute, offenbar ein Instinktdefizit. - Darüberhinaus zeigt dieser Fisch Wasserspucken (vgl. Kapitel unter Nahrungserwerb!). - Daneben wird hier gezeigt, dass auch Fische aus verschiedenen geographischen Regionen (Colisa aus Indien, der Zwergbuntbarsch aus Südamerika) gut zu vergesellschaften sind, wenn die einen wie hier die Colisa oberflächenorientiert sind und die anderen ihre Territorien in Bodennähe errichten.

©  Dr. Jörg Vierke

Literatur-Hinweise:

Petzold, H.-G. (1971): Über ethologische Domestikationsmerkmale bei Paradiesfischen, Aquarien und Terrarien 18, 242

Vierke, J. (1980): "Das Verhalten der Fische" in Kosmos Handbuch Aquarienkunde, Stuttgart

Ward, R. W. (1967): Etholoy of the Paradise Fish, Macropodus opercularis I, Copeia 4, 809 - 813

 

Video: Der Blaue Zwergfadenfisch Colisa lalia, Wasserspucken, Laichverhalten

 

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