Fischverhalten beobachten und verstehen
 
 SUCHE:
 

Besucherzähler


»» Ruheverhalten

Ruheverhalten

 

©  Dr. Jörg Vierke

Schwarzspitzenhai

Haie, so auch der Schwarzspitzenhai des Fotos, gehören zu den wenigen Fischen, die ihre Augen schließen können.

Wabenschwanzgurami Belontia hasselti schlafend
Wabenschwanzguramis Belontia hasselti zeigen gelegentlich ein seltsames Ruheverhalten
Die meisten Welse ruhen bevorzugt tagsüber, wie dieser Callichthys

Viele Leute glauben, Fische könnten schon deshalb nicht schlafen, weil sie ihre Augen nicht schließen könnten. Fischaugen haben bekanntlich weder Augen­lider noch Nickhäute (Ausnahme: einige Haie). Arten, die gelegent­lich das Wasser verlassen (Pe­riophthalmus), und Bodenwühler (Schmerlen) besitzen allerdings sog. "Schutzbrillen". Aber auch ohne Augenschließen können Fische ruhen und schlafen. Oft legen sie bei der Gelegenheit eine typische Nachtfärbung an: Wer nachts plötzlich seine Aquarienbeleuchtung anschaltet, wird viele seiner Pfleglinge kaum noch wiedererkennen: Bei vielen Fischen verstärkt sich im Dunkeln die Schwarzfärbung (Beispiel Schützenfisch, viele Buntbarsche) und verringern sich die leuchten­den Farben (Neonfische).

 

Allgemeines zum Schlaf der Fische

Der südamerikanische Messerfisch hängt sich zum Schlafen einfach ins Pflanzendickicht.

Im Aquarium beobachtet man, dass die meisten Fische, auch sehr bewegungs­freudige wie die Zebrabärblinge oder Regenbogenfische, zeitweilig am Ort ver­harren. Offenbar müssen auch unsere Fische ab und zu ruhen. Es ist nicht leicht, bei Fischen zwischen Ruhe und Schlaf zu unterscheiden. Besonders zu bestimm­ten Tageszeiten, meist nachts, verfallen viele Fische in eine tiefe Ruhepause. Diese könnte man ohne Einschränkung Schlaf nennen. Sie ist oft gekennzeichnet durch Farbwechsel und bestimmte Ruhelagen. Bei sehr vielen Arten ist dann die Reaktionsfähigkeit stark herabgesetzt. Manche Fische brauchen, wenn sie aus tiefstem Schlaf ge­weckt werden, mehrere Minuten, um richtig wach zu werden. Auch die Kiemen­deckelbewegungen werden während des Schlafens verlangsamt. Ihre Anzahl sinkt nachts beim Goldfisch von 175 auf 40 pro Minute und bei Epalzeorhynchus kallopterus, der Schönflossenbarbe, von 19 auf 10.

Tief schlafende Apistogramma und vermutlich die meisten (alle?) Cichliden liegen an geschützten Orten (Höhle, Bodengrube) in normaler Körperhaltung und in den normalen Körperfarben auf dem Bodengrund, sind dann aber völlig ohne jede Flossenbewegung.

Gewisse lethargische Ruhezustände, wie die Winterruhe des Karpfens oder der Trockenschlaf von Protopterus und Lepidosiren sollen hier nur kurz angesprochen werden. Die letztgenannten Lungenfische können sich zu Beginn der Trockenzeit bis zu einem halben Meter tief in den schlammigen Grund ihrer austrock­nenden Wohngewässer eingraben und dort in einer schleimtapezierten Kapsel monatelang bis zum Beginn der Regenzeit verharren.

Offenbar sind auch bei einigen unserer Aquarienfische länger dauernde Perio­den mit erhöhtem Schlafbedürfnis zu beobachten. In einem meiner Aquarien lebten mehrere Jahre drei Wabenschwanzguramis (Belontia hasselti), Import­tiere aus Südostasien, die zeitweilig ein sehr merkwürdiges Ruheverhalten zeig­ten. Sie legten sich auch tagsüber flach mit einer Körperseite auf den Boden, so dass die braungemusterten Tiere mit einem vertrockneten Blatt zu verwechseln waren, dem sie auch in der Körperform ähnelten. Sie lagen meist zwischen Was­serpflanzen flach am Boden, oft auch an Steine gelehnt oder auf Wasserpflan­zenblättern oder Wurzeln in höheren Wasserschichten. In dieser Lage blieben sie bis zu 15 Minuten, schwammen dann zügig an die Wasseroberfläche, um Luft zu schöpfen, und suchten dann sofort wieder den alten oder einen an­deren Ruheplatz auf. Die Fische behielten das Verhalten mehrerer Wochen bei. Danach benahmen sie sich ohne erkennbaren äußeren Anlass wieder "normal", um einige Monate später wiederum in eine derartige "Schlafphase" zu verfal­len. Vielleicht erklärt sich diese Beobachtung durch einen periodischen Wechsel von Wassertemperatur, Wasserstand oder Nahrungsangebot in ihrer Heimat. Wenn sich Fische an einen gewissen Rhythmus gewöhnt haben, können sie ihn auch unter den relativ gleichbleibenden Aquarienverhältnissen nicht so bald ab­legen. Man weiß, dass manche erst kürzlich eingeführten Arten nur zu bestimmten Jahreszeiten erfolgreich zur Zucht zu bringen sind.

Die allermeisten Fische sind Tagtiere. Wenn wir einmal vergessen, abends die Aquarienleuchte auszuschalten und das erst zu später Stunde nachholen wollen, können wir manchmal sehen, dass sich einige Fische trotz der gleichgebliebenen Helligkeit bereits zur Ruhe begeben haben. Es hat den Anschein, als würden sie ihre Zeit kennen, sie haben eine "innere Uhr".

Nicht alle tagsüber munter herumschwimmenden Fische brauchen jedoch nachts zu schlafen. Jedenfalls sollen Fadenfische ihren Nestbau selbst in der Dunkelheit fortsetzen, und auch die zu den Sägesalmlern gehörenden Colossoma-Arten sol­len im Gegensatz zu ihren nächsten Verwandten, den Piranhas, nicht schlafen.

Ruhelagen

Bisherige Beobachtungen scheinen dafür zu sprechen, dass das Schlafbedürfnis und die Schlaftiefe relativ wehrhafter und räuberischer Süßwasserfische größer ist als das der Friedfische. Unterwasserbeobachtungen zum Schlafverhalten ein­heimischer Fische zeigen das am Beispiel des räuberischen Flußbarsches (Perca fluviatilis), der sehr viel tiefer schläft als beispielsweise Plötzen und Rotfedern. Schon kurz nach Sonnenuntergang begeben sich die Flußbarsche in die flachen Uferzonen. Sie liegen dort mit den paarigen Bauchflossen und der Schwanz­flosse in einer Art Dreipunktstellung dem Boden auf und können so gut das Gleichgewicht halten. Dagegen waren Plötzen und Rotfedern noch zwei Stun­den nach Sonnenuntergang munter. Ihr Schlaf ist wesentlich flacher, und bei einer Störung sind sie sofort wach und fluchtbereit.

Nannostomus marginatus oben in Tagfärbung, unten in Nachtfärbung.

Auch die meisten Salmler vermeiden es, auf dem Bodengrund liegend zu schla­fen. Sie stehen nachts ruhig im Wasser, suchen aber bei plötzlichem Licht schat­tige Orte auf. - Das gilt auch für die Zwergziersalmler (Nannostomus marginatus). Man trifft sie aber gelegentlich auch auf dem Boden schlafend an. Wie alle Ziersalmler haben sie eine typische Nachtfärbung, die sich deutlich von der üblichen Tracht unterscheidet.

Sehr viele Buntbarsche schlafen nachts auf dem Boden, bevorzugt auf sandi­gem oder kiesigem Untergrund. Julidochromis schläft dagegen gern in einer Steinhöhle. Die Pfauenaugenbuntbarsche (Astronotus ocellatus) schlafen wieder­um oft in seitlicher Schräglage aneinandergelehnt am Boden. Andere Cichliden dagegen stehen nachts im freien Wasser, lassen sich jedoch bei plötzlicher Be­lichtung wie betäubt schnell zu Boden sinken. Beim Wiederausschalten des Lich­tes bleiben sie dort längere Zeit, bevor sie sich wieder ins freie Wasser begeben. Ähnliches beobachtet man bei einigen Poeciliiden und Salmlern.

Während die meisten Fische fast bewegungslos, meist nur mit den Bauchflossen wedelnd, mehr oder weniger waagerecht im Wasser schweben oder mit den Flossen aufgestützt am Boden hocken, sind bei manchen Fischen geradezu abenteuerlich anmutende Schlafstellungen zu beobachten. Nur einiges soll ge­nannt werden: Sternarchella, ein zur Familie Apteronotidae gehörender Messer­fisch, kann im Aquarium in fast jeder Lage schlafen. Der Unerfahrene glaubt an­fangs, dass das sich regelrecht flegelnde Tier im Sterben liege. Schlammpeitzger (Misgurnus) und Steinbeißer (Cobitis) sollen manchmal halbmondförmig ge­krümmt mit Kopf und Schwanz nach oben zeigend am Wasserspiegel hängen, Wabenschwanzguramis liegen, wie vorhin schon erwähnt, mit einer Körperseite dem Boden auf, und Zwergwelse sowie der elektrische Wels sollen sogar auf dem Rücken liegend ruhen.

Gähnender Etroplus suratensis
Gähnender Etroplus suratensis

Manche Schwarmfische ruhen nachts dicht gedrängt beieinander. Erstaunlich er­scheint aber die folgende Beobachtung über Flösselhechte (Polypterus). Die tagsüber lebhaften und Abstand haltenden Tiere ruhten nachts in engem Körper­kontakt am Boden. Nur ein einzelner Polypterus verhielt sich anders. Wie E. We­ber schreibt, lag er "hoch auf einem Felsenvorsprung, war munterer als die unter ihm ruhenden Artgenossen und beschützte sie wie ein ,Wächter­fisch'''. Ein ähnliches Verhalten be­richtet Weber, der über das Schlaf­verhalten der Fische umfangreiche Beobachtungen in verschiedenen Schauaquarien gemacht hat, auch von Labriden.

Gähnen

Apistogramma_hongsloi_g_h...

Gähnender Rotstrich-Apistogramma A. hongsloi

Gähnen kann man bei fast allen Fischen gelegentlich beobachten, gehäuft am Morgen nach dem Wachwerden. Das Bild rechts zeigt einen gähnenden Etro­plus suratensis. Man erkennt nicht nur das weitgeöffnete Maul, sondern auch - im Gegensatz zu dem ruhig neben dem gähnenden Tier stehenden Artgenossen - die weit abgespreizten Flossen. Genau wie Menschen sich beim Gähnen oftmals recken und räkeln, streckt sich bei dieser Gelegenheit oft auch der Fischleib. Nicht selten werden dann die Kiemendeckel weit abgespreizt, und die Augen treten etwas aus den Höhlen. Dabei wird viel Wasser in die Mund- und Kiemenhöhle eingesogen. Mit dem Ausstoßen des Wassers entspannt sich die Haltung des Tieres wieder.

Literaturhinweise:

Vierke, J. (1980): in Kosmos-Handbuch Aquarienkunde, Stuttgart, S. 553 - 556

Weber, E. (1961): Über Ruhelagen von Fischen. Z. Tierpsychol. Bd. 18, S. 527 - 533

©  Dr. Jörg Vierke

 


 

Zurück zur Startseite

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Zur folgenden Seite  Aquarienbedingtes Verhalten