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Lernverhalten

Wer nicht lernt, den bestraft das Leben 

Dreistreifen-Zwergbuntbarsch Apistogramma trifasciata
Apistogramma trifasciata Männchen
Dreistreifen-Apistogramma (Apistogramma trifasciata), Männchen

Der kleine Buntbarsch in unserem Zuchtaquarium heißt Apistogramma trifasciata; auf Deutsch Dreistreifen- Apistogramma. Die Männchen glänzen am ganzen Körper hellblau. Die vorderen Zwischenstrahlenhäute ihrer Rückenflossen sind stark verlängert und oft sind sie an ihren Spitzen gelb, orange oder sogar feuerrot gefärbt, so dass sie an eine Indianerhaube erinnern.

Allerdings sind diese Schmuckstücke nicht unbedingt pflegeleicht und oft attackieren sie ihresgleichen, aber auch ihre Weibchen, heftig. Die Weibchen verstehen es jedoch recht gut, ihre Männchen durch Anlegen der Flossen, S-förmige Körperhaltung und Bauchpräsentieren einigermaßen zu beschwichtigen (siehe das Titelfoto oben).

Apistogramma trifasciata Weibchen bei der Bruthöhle
Apistogramma trifasciata - Weibchen vor der Bruthöhle

Am besten sind auch für diese Zwergbuntbarsche große Aquarien. Wie viele andere Apistogramma haben sie die "Harems-Sozialstruktur", ein Oberrevier für den "Pascha" und mehrere Unterreviere für Weibchen. Aber natürlich ist auch paarweise Haltung möglich. 

Die Dreistreifenbuntbarsche sind Höhlenbrüter. Ich hatte dem Zuchtpaar einen Blumentopf als Kunsthöhle ins Aquarium gegeben. Diese Zwergbuntbarsche nehmen zwar auch gern Wurzelhöhlen und Steine, aber Blumentöpfe sind zur Zucht besonders praktisch. Ich hatte den Topf längs in das Becken gelegt, so dass ich durch die nach vorn zeigende große Öffnung gut verfolgen konnte, was im Inneren des Topfes vorgeht. Rücklings schwimmend hat das Weibchen seine etwa 100 Laichkörner an die Höhlendecke geklebt. Das vollzog sich in mehreren Schüben. Zwischendurch hatte das Männchen, ebenfalls rücklings schwimmend, die Laichkörner besamt.

Nach dem Ablaichen wollte das Weibchen das Männchen nicht mehr in der Nähe der Höhle dulden - das war in diesem Fall das ganze Aquarium! Also musste ich das Männchen herauszufangen. So weit ging alles wie geplant. Allerdings hatte ich einen bösen Fehler gemacht! Statt meinen Pfleglingen feinen Sand als Bodengrund in das Becken zu geben, hatte ich das Aquarium mit grobem Kies ausgestattet. Ich wusste, dass Zwergcichliden es lieben, aus ihren Höhlen Sand herauszubaggern. So machen sie ihre Bruthöhlen geräumiger, gleichzeitig sorgen sie durch den vor dem Eingang aufgeschütteten Wall für zusätzliche Deckung. Das hätte jedoch meine Beobachtungsmöglichkeiten eingeschränkt, daher der Kies. Selbst der Boden meiner Blumentopf-Höhle bestand aus dem Grobkies.

Fast drei Tage hatte das Weibchen die unter dem Höhlendach klebenden Eier gepflegt. Auch die frischgeschlüpften Larven hängen noch einige Stunden an der Höhlendecke. Klebdrüsen an ihrem Kopf machen das möglich. Es ist jetzt Mittag, ich habe einige Minuten für meine Fische Zeit. Nun ist es für die Mutter Zeit, ihre Brut am Boden in einer Grube zu sammeln. Die Klebkraft der Kopfdrüsen reicht nicht mehr. Jetzt erst wird mir mein horrender Fehler bewusst! Es gibt keinen sicheren Platz für die Kleinen am Boden! Aber wie sollte ein Fisch das durchschauen, wenn selbst ich das nicht vorhergesehen hatte!

Eine Larve nach der anderen wird nun von der Höhlendecke "abgepflückt" und von der fürsorglichen Mutter zum Höhlenboden gebracht. Die hilflosen, noch schwimmunfähigen Larven liegen da unten jetzt und schlagen ständig mit ihren kleinen Schwänzen. Dieses Schwanzschlagen dient erst in zweiter Linie dem Heranstrudeln von Frischwasser. In erster Linie ist das für die Mutter ein Brutpflege-Signal, ein Schlüsselreiz also. Somit liegen die kleinen aber nicht etwa ruhig am Boden, sondern sie rutschen, wenn auch nur langsam, am Boden der Höhle entlang. Es passiert, was in dieser tückischen Grube passieren muss! Der allergrößte Teil der Winzlinge verschwindet auf Nimmerwiedersehen in den Lücken zwischen den Kieseln. Das Ende ist absehbar. Apistogramma trifasciata

Am Abend kontrolliere ich das Becken noch einmal. Ob vielleicht doch noch einige Junge in der Grube überlebt haben? Nein, die Grube ist verwaist. Aber was ist das? Ich will meinen Augen nicht trauen! Elf eifrig schwänzelnde trifasciata-Larven liegen völlig frei auf dem Blumentopfdach, also oben über der Höhle, und werden von der Mutter intensiv bewacht. Immer wenn sie in Gefahr sind, vom allseits runden, abschüssigen Dach herunterzurutschen, ist sie zu Stelle, schnappt sie auf und legt sie wieder auf die runde Wölbung des Daches. Diese elf Larven sind zweifellos die letzten Überlebenden (siehe Abb. links!). Alle anderen sind im Kies verschwunden.

Offenbar hatte die Mutter das Dilemma bemerkt und daraus die Konsequenzen gezogen: Sie lagerte ihre noch schwimmuntüchtige Brut am einzigen Platz im Aquarium, an dem sicher waren. Sonst sammeln Zwergcichliden ihre Larven und Jungen instinktiv immer in einer Grube, anfangs meist im Inneren der Höhle, nie aber auf der Wölbung über einer Höhle.

Das oben geschilderte Erlebnis ist fast unglaublich, aber man sieht, dass selbst Fehler bei der Tierhaltung uns neue Einsichten geben können. Ich habe aus diesem Vorfall jedenfalls gelernt, dass auch die einfachsten Wirbeltiere, die Fische, weit mehr als "Instinktautomaten" sind! Wie die Geschichte endete? Den ganzen Abend war die Mutter damit beschäftigt, ihre Larven vor dem Herabrutschen vom Blumentopf zu bewahren. Im Dunkeln war sie damit aber zweifellos überfordert. Am nächsten Morgen war von den Kleinen nichts mehr zu sehen.

* * *

Mit Elritzen machte Karl v. Frisch seine berühmten Lernversuche

Alle Fische müssen im Laufe ihres Lebens lernen und dazulernen. Somit ändern sich in ihnen auch bestimmte Gehirnstrukturen, beziehungsweise -verknüpfungen. In vielen Bereichen wandelt sich ein ursprünglicher Angeborener Auslöse Mechanismus (AAM) zu einem durch Erfahrung ergänzten AAM (EAAM).

Lernverhalten wie oben bei der Zwergbuntbarsch-Mutter kann man bei Fischen nur in Ausnahmefällen beobachten. Einfachere Lernvorgänge sind jedoch die Regel. Wie sollten sie sich sonst an die Erfordernisse der Umwelt anpassen können? So lernen Aquarienfische beispielsweise sehr schnell, sich den Ort zu merken, an dem es Futter gibt. Wenn man seinen Fischen jedes Mal, wenn man vor das Aquarium tritt, kleine Futtermengen reicht, wird man sehen, dass die Tiere sich bald aufgeregt wartend an der Futterstelle versammeln, sobald man sich dem Aquarium nähert. Die Fische haben eine Assoziation gebildet, sie haben da Auftauchen des Menschen mit der direkt darauffolgenden Futtergabe gedanklich verknüpft. Hierbei handelt es sich bereits um das, was man Dressur zu nennen pflegt: Ein Originalreiz (= unbedingter Reiz; hier das Futter) wird assoziiert mit einem Signalreiz (= bedingter Reiz; hier das Auftauchen des Pflegers). Ein dressiertes Tier reagiert in Erwartung des Originalreizes schon auf den Signalreiz.

Hecht_blau_2.jpg
Lernfähig wie alle Fische: Der Hecht Esox lucius

Wir können mit dem Originalreiz, dem Futter, auch einen anderen Signalreiz verbinden, beispielsweise einen Pfiff oder eine Farbe. Auf diese Weise machte der spätere Nobelpreisträger Karl von Frisch seine berühmt gewordenen Dressurversuche an Katzenwelsen und Elritzen. Er zeigte damit erstmals, dass Fische überhaupt hören können, und dass sie auch ein gewisses Unterscheidungsvermögen für verschieden hohe Töne haben. Letzteres kann man nachweisen, indem man einen Fisch zunächst auf die beschriebene Weise auf einen Pfeifenton von bestimmter Tonhöhe dressiert. Wenn die Dressur abgeschlossen ist, erscheint der Fisch, sobald der Signalreiz, der Ton, gegeben wird.

Rotfeuerfische
Warnfarben: Strahlenfeuerfische Pterois radiata

Nun kann man dem Fisch den gerade besprochenen "Futterton" mit der dazugehörenden Futtergabe geben und abwechselnd dazu einen "Warnton", der etwas höher oder tiefer ist. Wenn der Warnton ertönt, wird der Fisch zunächst auch wieder erscheinen und Futter erwarten. Jetzt wird er mit einem kleinen Schlag mit einem Glasstab oder mit einem kleinen Elektroschock gestraft. Bald begreift der Fisch den Unterschied zwischen dem Futter- und dem Warnton. Beim Ertönen des ersteren erscheint er sofort, um sein Futter abzuholen, im zweiten Fall ergreift er die Flucht. Auf diese Weise kann man ermitteln, welches Intervall die Fische noch sicher unterscheiden können. Es ist gewöhnlich eine Oktave.

Dressuren, ähnlich der hier beschriebenen, kommen in der Natur auch vor. Fische lernen, stärkere Artgenossen oder auch andere stärkere Fische zu respektieren; es kann sich auf Grund ihrer Kampferfolge oder Niederlagen eine Rangordnung bilden. Fische erkennen sich offenbar am "Gesicht". Sicher lernen sie - wenn sie dazu Gelegenheit haben - auch ihre Raubfeinde kennen und weitgehend meiden. Genauso lernen sie Futtertiere zu meiden, mit denen sie schlechte Erfahrungen gemacht haben. Ein Hecht, der sich beim Fressen von Stichlingen mehrfach an ihren Stacheln verletzt hat, merkt sich das bald sehr genau und meidet Stichlinge künftig. In diesem Fall wäre die Verletzung der Originalreiz, der Stichling der Signalreiz und die Assoziation "ungenießbar". Voraussetzung ist dabei natürlich, dass der Hecht den Stichling vor dem Zuschnappen erkennt, dass der Signalreiz also möglichst typisch ist. Einige mit besonders gefährlichen Stacheln ausgerüstete Fische sehen folgerichtig sehr auffallend aus: Sie haben eine typische Warnfarbe. Hierzu gehört beispielsweise die grelle orange-schwarze Ringelung einiger Schmerlen (z. B. Botia macracantha) und der Dornaugen; ebenso die Farbmuster der giftigen Rotfeuerfische.



Auf der folgenden Seite erfahren Sie Einzelheiten zum Laichverhalten des nur etwa 3 cm großen Sumpfprachtguramis Parosphromenus spec. aff. paludicola. Wie dort im Einzelnen gezeigt wird, spielt auch hier Lernen eine bedeutsame Rolle!

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