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Symbiosen und Parasitismus

Feinde und nicht ganz uneigennützige Helfer

 

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Vielpunkt-Kuckuckswelse (Synodontis multipunctatus)

Man braucht kein attraktiv eingerichtetes Aquarium, um faszinierende Verhaltensbeobachtungen zu machen. Auch die übrigen Pflegeansprüche wie Wasserwerte, Futter und dergleichen, sind oft nicht entscheidend. Ahmen wir doch die Geröllzone des Tanganjikasees nach! Wir brauchen ein 200-Liter Aquarium und zur Einrichtung lediglich Sand, Kies und einige etwa faustgroße, runde Steine. Die Wasserhärte ist nicht entscheidend. Normales Leitungswasser, neutral bis leicht basisch, ist völlig in Ordnung.

Die Bewohner unseres Aquariums: Vielpunkt-Kuckuckswelse (Synodontis multipunctatus) und maulbrütende Cichliden aus den ostafrikanischen Seen. Bei den Buntbarschen müssen es nicht unbedingt Tanganjikasee-Cichliden sein, es können auch Malawi-Buntbarsche vom Haplochromis-Typ sein. Ihr Laich- und Brutpflegeverhalten unterscheidet sich im Wesentlichen nicht von dem Verhalten der Blaumaul-Maulbrüter (Astatotilapia burtoni). Uns sollen jetzt in erster Linie die Welse interessieren. Die fast handgroßen Fische sind silbergrau und mit dekorativen schwarzen Punkten versehen - größere Punkte an den Körperseiten, kleinere im Kopfbereich. Die Flossen, besonders die Schwanz- und die Rückenflosse, haben eine kräftige Schwarzzeichnung. Ideal wären ein Weibchen und ein bis drei Männchen. Laichreife Männchen sind an ihrer röhrenförmigen Genitalpapille leicht zu erkennen.

Am besten haben wir nur ein Cichliden-Männchen im Becken, denn gegen ihresgleichen können diese Burschen ausgesprochen aggressiv sein. Bei Temperaturen um 25° C und unter guten Futterbedingungen können wir nun wirklich sensationelle Beobachtungen machen: Das Männchen baut eine Laichgrube, das Weibchen hält sich hinter Steinen versteckt und die Welse ruhen ebenfalls irgendwo hinter Steinen. Jetzt aber sind sie aufgestiegen, das Weibchen voran, dicht gefolgt von den Männchen, einer hinter dem anderen. Sie überschwimmen die Laichgrube, das Maulbrüter-Männchen sieht das nicht gern und verfolgt sie. Die Welse interessieren sich offenbar für das, was in der Laichgrube vor sich geht!

Einen Tag später. Das Maulbrüter-Männchen hat es geschafft und sein Weibchen in die Grube gelockt. Kreisend umschwimmt sich das Cichlidenpaar. Jetzt nahen die Welse, schon drängen sie sich zwischen die Buntbarsche. Heftig werden sie vom Männchen verjagt. Nun aber gibt das Maulbrüter-Weibchen seine Eier ab - wieder sind die Welse dazwischen, schnellstmöglich muss der Laich aufgenommen werden! Wie wir wissen, ist das völlig in Ordnung so, denn die Befruchtung des Laichs erfolgt ja anschließend im Maul der Mutter. Was die Mutter allerdings in der Eile nicht bemerkt hat: Die frech sich zwischen die Cichliden drängelnden Welse haben blitzschnell selbst Eier abgelegt und sogleich befruchtet. In der Hast hat die Maulbrütermutter auch diese Eier mit ins Maul genommen, obwohl sie vom Aussehen her kaum mit den eigenen Eiern zu verwechseln wären. Wenn die Maulbrütermutter allen Laich abgegeben hat, sollten wir sie vorsichtig aus dem Becken holen und isolieren. Auf die Brut können wir gespannt sein: lauter kleine Welse! Was aber ist aus den kleinen Cichliden geworden?

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Bitterlings-Männchen (Rhodeus amarus) im Prachtkleid

 

 

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Die meisten Tierarten kümmert es nicht, was andere Arten tun. Viele jedoch leben in einem Räuber-Beute-Verhältnis, das heißt, eine ernährt sich von der anderen. Es gibt aber auch Sonderfälle des Sozialverhaltens. Einige Tiere wohnen friedlich als Untermieter in andern Tieren, ohne ihnen besonders zu schaden oder zu nutzen (Kommensalismus), wie der Mittelmeerfisch Fierasfer, der im Darm und in den Wasserlungen von Seegurken lebt. Wieder andere Tiere leisten sich sogar gegenseitig gute Dienste, natürlich nicht aus reiner Nächstenliebe. Ein kurzzeitiges oder längeres Zusammenleben verschiedener Arten, das beiden Nutzen bringt, nennt man Symbiose, die daran beteiligten Partner Symbionten.

Es gibt kaum ein besseres Beispiel für die wechselseitigen Abhängigkeiten von Tieren wie die Symbiose zwischen Bitterling und Muschel. Der mitteleuropäische Bitterling Rhodeus amarus ist ein kleiner Karpfenfisch, dessen Fortpflanzungsverhalten hochgeradig spezialisiert ist. Zur Fortpflanzungszeit (April bis Juni) wächst dem Weibchen eine bis zu 5 cm lange, pinkfarbene Legeröhre. Hiermit legt es einzeln Eier über die Einströmöffnung einer Teich- oder Flussmuschel in deren Kiemenkammer ab. Im Kiemenraum der Muschel wachst die Brut jetzt geschützt vor Fressfeinden heran. Nach 2 - 4 Wochen verlassen die Jungbitterlinge ihre Amme.

 Der kurze Film (20 sec) zeigt mehrere Putzerfische Labroides dimidiatus an einem Kugelfisch Arothron hispidus. Die Unterwasseraufnahme stammt aus dem Ningaloo Riff vor Westaustralien.

Der Film (1:10 min) zeigt einen kleinen Trupp junger Dreipunkt-Preußenfische Dascyllus trimaculatus, die an einer Seeanemone Schutz finden. Symbiose, vielleicht auch nur Kommensalismus. Es sind auch zwei Partner-Garnelen Periclimenes zu erkennen, die hier mit der Anemone in Symbiose leben.

 

Anemonenfisch Amphiprion chrysopterus
Der Anemonenfisch (A. chrysopterus) mit Seeanemone (Freiwasseraufnahme)
Besonders unter den Meeresfischen gibt es schöne Beispiele für Symbiosen. Bekannt sind die Putzerfische, die sich darauf spezialisiert haben, andere Fische von kleineren Parasiten zu befreien. Putzer und Wirt haben beide Vorteile von dieser Gemeinsachaft. Der Putzer findet Nahrung, der Wirt wird seine Quälgeister los. Das Verhältnis zwischen Putzer und Wirt ist oftmals hervorragend eingespielt. Labroides dimidiatus fordert seine Wirte durch ein bestimmtes Schwimmverhalten zum Verweilen auf. Dann verfallen die Fische, die sich putzen lassen wollen, oft in eine regelrechte Starre. Häufig kann sie der Putzer sogar durch Anstoßen mit dem Maul dazu bringen, die Kiemendeckel abzuspreizen oder das Maul zu öffnen. Ungefährdet kann er dann in die Mäuler selbst räuberischer Fische schlüpfen und dort die Parasiten seines Wirtes verzehren. Entsprechende Putzsymbiosen wurden auch schon im Süßwasser-Aquarium beobachtet. Da putzen Panzerwelse Fadenfische (das kann im Freiwasser aus tiergeographischen Gründen nicht vorkommen) und Fadenfische putzten Schützenfische.

Dem oben erwähnten Putzerfisch Labroides dimidiatus zum Verwechseln ähnlich ist der Säbelzahnschleimfisch (Aspidontus taeniatus). Nicht nur die Fische, die sich putzen lassen wollen, lassen sich täuschen, oft auch Aquarianer, die sich einen Putzerfisch kaufen wollen. Selbst in der Schwimmweise ahmt dieser Fisch den mit ihm überhaupt nicht verwandten Putzer nach. Wenn er sich auf diese Weise einem Fisch nähern konnte, beißt er ihm Stücke aus der Haut. Natürlich muss der Parasit immer seltener bleiben als der echte Putzer, sonst lernen die betrogenen Wirte bald beide zu meiden, und der Putzer und sein Nachahmer sind beide "arbeitslos".

Eine weitere sehr interessante Symbiose unter Meerestieren ist die zwischen bestimmten Fischen und Krebsen, die eine gemeinsame Wohnhöhle bewohnen und instand halten. Auf der folgenden Seite ist diese Beziehung mit Fotos und einem Freiwasser-Film ausgiebig dokumentiert. >>>

Sehr bekannt ist die Symbiose zwischen der Seeanemone, einem Hohltier, und dem Anemonenfisch. Die Abbildung rechts zeigt den Anemonenfisch Amphyprion chrysopterus aus dem Pazifik. Die mit Nesselzellen bewaffneten Tentakel der Seeanemone geben dem Fisch Schutz. Umgekehrt versucht der kleine Fisch seinen Wirt zu verteidigen und läßt auch mal Futterreste zurück.

 Kuckuckswelse Synodontis multipunctatus
Parasiten oder Schmarotzer sind Lebewesen, die ihren Wirt zwar schädigen, ihn jedoch dabei nicht umbringen. Das hat den Vorteil, dass man ihn wiederholt nutzen kann. Im Allgemeinen handelt es sich bei Parasiten um Nahrungsschmarotzer. So gibt es auch im Süßwasser Fische, die anderen regelmäßig Teile der Flossen wegbeißen oder auch Schuppen wegfressen, zum Beispiel der südamerikanische Zweitupfensalmler (Exodon paradoxus). Einige südamerikanische Welse wie Stegophilus insidiosus leben in der Kiemenhöhle ihrer Wirte und fressen dort an den zarten Kiemen.

Zurück zu den Kuckuckswelsen Synodontis multipunctatus (siehe ganz oben)! Diese Fische schieben ihren Laich maulbrütenden Cichliden unter. Im Maul der Pflegeeltern können die jungen Welse gut mit Frischwasser versorgt und vor Fressfeinden geschützt heranwachsen. Die Pflegeeltern sorgen aber noch in einer weiteren Hinsicht für den ungebetenen Nachwuchs: sie ernähren ihn mit ihrer eigenen Brut!

Die Eier der Welse haben einen Durchmesser von 1,8 Millimeter. Die Maulbrütereier sind dagegen meist doppelt so groß, brauchen somit auch deutlich länger zur Entwicklung. Schon am sechsten Tag nach dem Ablaichen beginnen die kleinen Welse im Maul ihrer Pflegeeltern, über deren Kinder herzufallen. Die Buntbarschlarven sind zwar größer als die Jungwelschen. Dafür haben jene aber ein riesiges Maul und ungeheuer viel Ausdauer. Es dauert etwa vier Stunden, bis sie ihre erste Dottersacklarve unzerkleinert heruntergewürgt haben. Beim zweitenmal geht es dann schon wesentlich schneller, denn die kleinen Welse wachsen bei dieser guten Ernährung rasant. Natürlich kann man das, was sich im Maul der Buntbarsch-Mutter abspielt, nicht mehr als Parasitismus bezeichnen. Zwischen den Buntbarschlarven und den kleinen Kuckuckwelsen herrscht ein typisches Räuber-Beute-Verhältnis.


Der folgende Film zeigt ein paar Symbiosen aus dem Großen Barriere Riff: Korallen, Riesenmuscheln und Putzerfische.


 

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